Von Kamelen, Boabs und Stick Snakes

Broome – Derby – Halls Creek – Wyndham – Kununurra

Wir sind wieder auf dem Weg, haben Broome vor einigen Tagen verlassen und können nun auch zusammenfassen, was “Wet Season” wirklich bedeutet. Entgegen unserer Erwartungen hat es in Western Australia an der Grenze zum Northern Territory bisher fast gar nicht geregnet. Stürme haben wir erst zwei kleinere erlebt – leider, betonen doch alle mit denen wir sprechen, dass ein Thunderstorm hier zu den besten Naturschauspielen auf Erden gehört. Diese “Wet Season” gehört aber zu den trockeneren, und ist unserer Meinung nach weniger “Regenzeit”, dafür mehr: CLOSED. FULL STOP.

Zwar würden wir ganz gerne mal einen richtigen Sturm erleben. Aber dass der Cyclone Status auf ALL CLEAR steht, ist uns doch recht.
Zwar würden wir ganz gerne mal einen richtigen Sturm erleben. Aber dass der Cyclone Status auf ALL CLEAR steht, ist uns doch recht.

Zwischen Dezember und März kann man sich hier als Tourist auf eher wenig verlassen: Das Visitor Centre sperrt einfach nicht auf, weil eh keine Touristen unterwegs sind. “The best coffee in town” gibt’s erst wieder ab März. In die National Parks können wir leider nicht rein, weil die Straßen wegen Überflutungsgefahr zwei Monate lang gesperrt sind – falls denn doch mal ein Zyklon vorbeischauen sollte. Die tollste Kayaktour Australiens? Ist grad auf Urlaub. Wir nehmen, was wir kriegen können. Und das ist auch nicht so schlecht.

Broome hat Felsen in den wunderbarsten Farbtönen zu bieten.
Broome hat Felsen in den wunderbarsten Farbtönen zu bieten.
Und nicht nur das - hier findet man (wenn man sehr lange sucht) bei extremer Ebbe auch die versteinerten Fußspuren von Dinosauriern! Ziemlich cool...
Und nicht nur das – hier findet man (wenn man sehr lange sucht) bei extremer Ebbe auch die versteinerten Fußspuren von Dinosauriern! Ziemlich cool…

An unserem letzten Abend in Broome absolvieren wir das volle Touristenprogramm: Ein Ausritt auf Kamelen am Strand bei Sonnenuntergang. Klingt kitschig, ist aber wirklich ein Erlebnis. Die Tiere schauen so doof drein, dass wir nicht anders können als loszulachen. Es gibt unter anderem “Hängende Lippe” und “Lockenkopf” (so taufen wir zwei Exemplare), wir reiten auf One (das ist sein tatsächlicher Name).

Hängende Lippe genießt die Streicheleinheiten in vollen Zügen. Bevor es los geht, machen wir uns mit unserem "fahrbaren Untersatz" vertraut.
Hängende Lippe genießt die Streicheleinheiten in vollen Zügen. Bevor es los geht, machen wir uns mit unserem „fahrbaren Untersatz“ vertraut.

One ist ein in Freiheit geborenes Kamel (in Australien gibt es mit ca. 1 Million wilder Kamele die größte freilebende Population der Welt, die Hälfte davon lebt in Western Australia), er wurde als junger Hengst zusammen mit seinen Brüdern in der Nähe von Alice Springs eingefangen, gezähmt und von zwei Abenteurern zu Fuß vom Herzen des Roten Kontinents zur Kamelfarm an der Westküste gebracht. Unser Kamel ist gutmütig, lässt sich ausgiebig streicheln und setzt brav einen Fuß vor den anderen.

Touristenprogramm: Der Kamelritt zu Sonnenuntergang gehört zu Broome fix dazu.
Touristenprogramm: Der Kamelritt zu Sonnenuntergang gehört zu Broome fix dazu.
Auf dem Rücken der Wüstenschiffe schaukeln wir am Strand entlang und genießen den Wind und die Abendsonne.
Auf dem Rücken der Wüstenschiffe schaukeln wir am Strand entlang und genießen den Wind und die Abendsonne.

Bis plötzlich am Horizont ein schwarzer Streifen auftaucht. Innerhalb weniger Minuten türmen sich in der Ferne dunkle Wolken, ein starker Wind ist aufgekommen und die Kamelführer beschließen, auf der Stelle umzudrehen – obwohl es bis Sunset noch rund 40 Minuten dauert. Wir traben also auf den Kamelen zurück Richtung Ausgangspunkt, drehen uns nach wenigen Minuten nochmal um, und der Sturm ist direkt hinter uns. “Sorry guys, alle sofort absteigen! Bitte bewahrt Ruhe, das muss jetzt schnell und schmerzlos gehen!”, schreit der Kamelführer, zwingt ein Kamel nach dem anderen in die Knie, wir hoppen von Ones Rücken, als dieser und die anderen Kamele wieder aufspringen. Kein Wunder dass die Tiere in leichte Panik verfallen, so richtig beruhigend sind wir Passagiere angesichts der schwarzen Gewitterwolken nicht.

Schwarz, Schwärzer, Sturm in Broome.
Schwarz, Schwärzer, Sturm in Broome. Innerhalb von Minuten wird es dunkel am Horizont.
Plötzlich haben es alle eilig den Strand zu verlassen. So ganz wohl ist auch uns nicht mehr, aber ein letztes Erinnerungsfoto muss sein.
Plötzlich haben es alle eilig den Strand zu verlassen. So ganz wohl ist auch uns nicht mehr, aber ein letztes Erinnerungsfoto muss sein.

Wenige Windböen später ist die Temperatur innerhalb kürzester Zeit um rund 15 Grad gefallen, zwei Mädchen lachen hysterisch, Stefan und ich rennen mit der Kamera hin und her, eine Mutter beruhigt ihr Kleinkind aber noch mehr sich selbst durch eine Litanei von lauten “No worries, it’s just water. No worries, it’s just water.” und alle rennen über den Strand Richtung Parkplatz. Wir schaffen es gerade bis zum Auto, als der Himmel die Schleusen öffnet. Es blitzt, donnert, regnet – die Ozzies hatten recht, was für ein Naturschauspiel! Nach 40 Minuten ist der Spuk vorbei, die Temperaturen steigen sofort wieder in die high 30’s und wir haben unseren ersten Sturm erlebt.

Am nächsten Morgen fahren wir weiter nach Derby. Dort checken wir erstmal ins Hospital ein, weil Ingrid seit Tagen einen stark juckenden tiefroten Ausschlag auf den Oberschenkeln und Unterarmen hat, der einfach nicht besser werden will. Wie heißt es so schön? Alles macht Sinn! Denn ohne Ausschlag hätten wir dieses wunderbar freundliche, entspannte Bush Hospital niemals von innen gesehen, keinen langen Plausch mit den Krankenschwestern geführt, nicht erfahren dass ich als Italienerin für rein gar nichts bezahlen muss, weder Visite noch Creme – und wir hätten nie eine Stick Snake gesehen!

Im Krankenzimmer stehen in einer Vitrine große und kleine Gläser mit eingelegten Skorpionen, Schlangen, Spinnen. Die konservierten Exemplare sollen es Patienten erleichtern, das Tier zu identifizieren, das sie gebissen hat. “Gibt es viele Fälle?”, fragen wir. “Einige”, erklärt uns die Schwester, “Denn in der Umgebung gibt’s viele wilde Bushwalks. Sehr oft passiert es allerdings auch, dass sich Menschen einfach einen Gratis-Transfer geben lassen von den Flying Doctors. Am häufigsten ist aber der Biss der Stick Snake…”, schmunzelt sie, und reicht uns ein kleines Glas. Darin eingelegt – ein Stück Ast. Sie könne gar nicht mitzählen, wie oft “Patienten” sich einen Schiefer einziehen und felsenfest davon überzeugt sind, von einer Schlange gebissen worden zu sein.

Busch-Krankenhaus: Damit Patienten das Tier identifizieren können, von dem sie gebissen wurden, stehen im Krankenzimmer Gläser mit allem möglichen Getier. Untere Reihe, zweites von links: die gemeine Stick Snake.
Busch-Krankenhaus: Damit Patienten das Tier identifizieren können, von dem sie gebissen wurden, stehen im Krankenzimmer Gläser mit Eingelegtem. Untere Reihe, drittes von links: die gemeine Stick Snake.

Wir verlassen den kleinen Ort Derby, in dem es zwar das tollste Spital der Welt, aber sonst nicht viel gibt, am nächsten Morgen und fahren weiter landeinwärts nach Halls Creek.

Zu Halls Creek gibt’s nicht viel zu sagen. Der Campingplatz erinnert uns an einen Film, in dem sich die zwei Hauptdarsteller vor einer Zombieplage auf einen sehr heruntergekommenen Campingplatz im Nirgendwo flüchten, auf dem sich nur die seltsamsten Gestalten tummeln. Die sich dann mitten in der Nacht als Zombie-Serienkiller mit Kettensägen entpuppen… So schlimm ist es natürlich nicht, wir wachen erholt und für unsere Verhältnisse recht spät auf – über Nacht hat es abgekühlt und die angenehmen Temperaturen haben uns einen guten Schlaf beschert. Beim Auftanken am nächsten Morgen dann der Schreck: Die Zapfsäulen sind leer, die nächste Ladung erwartet der Tankwart erst in drei Tagen, und die nächste Tankstelle ist 250 Kilometer weit weg. Zu unserem Glück ist noch ein kleines bisschen Premiumbenzin übrig, in das wir gerne investieren!

Der Frau im Visitor Centre war wohl auch etwas heiß: Kein Problem, diese Straße mit einem 2-Rad-Antriebs-Campervan zu befahren. Wir lassen das Auto stehen und gehen die letzten 300 Meter zur lokalen Attraktion von Halls Creek zu Fuß.
Die Frau im Visitor Centre ist wohl etwas aus der Übung: Kein Problem, diese Straße mit einem 2-Rad-Antriebs-Campervan zu befahren?! Wir lassen das Auto stehen und gehen die letzten 300 Meter zur lokalen Attraktion zu Fuß.
Gestatten, die "Chinesische Mauer" von Halls Creek. Eine Mauer aus Quarzstein zieht sich hier kilometerweit durch die Landschaft. Was ausschaut wie von Menschenhand geschichtet ist völlig natürlichen Ursprungs.
Gestatten, die „Chinesische Mauer“ von Halls Creek. Eine Mauer aus Quarzstein zieht sich hier kilometerweit durch die Landschaft. Was ausschaut wie von Menschenhand geschichtet ist völlig natürlichen Ursprungs.

Die Fahrt von Halls Creek nach Wyndham erweist sich als äußerst kurzweilig, es gibt hier aus dem Autofenster so viel zu sehen: Wildpferde am Straßenrand, …

Und immer wieder Wildpferde am Straßenrand. Was für schöne Tiere!
Und immer wieder Wildpferde am Straßenrand. Was für schöne Tiere!..

…eine Heuschreckenplage am Rastplatz, und ein unglaublich blauer Himmel der sich über die liebliche Landschaft und die Boabbäume spannt (die mit den Baobab Bäume in Afrika verwandt sind, wir gehen davon aus, dass die Ozzies den Namen einfach abgekürzt haben, wie sie das mit nahezu jedem Wort von Afternoon -> Arvo über Honey -> Hun bis hin zu Suburb -> Subs machen).

Die australischen Boab-Bäume sind sehr beeindruckend, und dieser hier in Derby ein Exemplar, das den lokalen Aboriginal als heilige Stätte diente.
Die australischen Boab-Bäume sind sehr beeindruckend, und dieser hier in Derby ein ca. 1.500 Jahre altes Exemplar, das den lokalen Aboriginal als heilige Stätte diente.
Dass die ersten englischen Siedler den Baum dazu missbrauchten, gefangene Aboriginal für einige Tage im Inneren des Stamms festzuhalten, ist unvorstellbar...
Dass die englischen Siedler den Baum dazu missbrauchten, gefangene Aboriginal für einige Tage im Inneren des Stamms festzuhalten, ist unvorstellbar… Hier noch einmal die Dimensionen des Baums.

In Wyndham machen wir es uns auf dem örtlichen Campingplatz gemütlich, streicheln die ansässigen Esel, beobachten Eisvögel und Bienenfresser und genießen vom lokalen “Knutschhügel” aus einen wunderschönen Sonnenuntergang.

Ein Riesenkrokodil bewacht den Stadteingang von Wyndham. Denn die Menschen hier sind mächtig stolz auf die ansässigen Reptilien.
Ein Riesenkrokodil bewacht den Stadteingang von Wyndham. Hier ist nichts mehr mit Baden und Plantschen im Meer.

Nächstes Ziel und aktueller Aufenthaltsort ist Kununurra. Die eine Stunde Fahrt von Wyndham vergeht wie im Flug, auf Halbweg stoppen wir bei The Grotto, einer Schlucht, in der wir wieder einmal in einem natürlichen Schwimmbecken plantschen, nachdem uns zugesichert wurde, dass hier bestimmt keine Krokodile sind (wir sind inzwischen in einer Gegend angelangt, in der man wegen der gefährlichen Salzwasserkrokodile weder im Meer, und wegen der großen Süßwasserkrokodile auch nicht in Bächen und Flüssen baden gehen kann). Wir kühlen uns unter den kleinen Wasserfällen ab und können gar nicht genug kriegen vom klaren Wasser auf unseren strapazierten Schweißporen – die Temperaturen sind seit Wochen wahrlich kein Vergnügen!

Es gibt wirklich nur eins bei diesen Temperaturen...
Es gibt wirklich nur eins bei diesen Temperaturen…
Tjuhuuu, Besuch im Freibad, inklusive Sprungseil und Wasserfall!
Tjuhuuu, ab in’s Freibad, inklusive Sprungseil und Wasserfall!
Hier gibt es auch einen krokodilfreien Spa-Bereich mit Massage-Duschen.
Hier gibt es auch einen krokodilfreien Spa-Bereich mit Massage-Duschen.

In Kununurra bleiben wir vorerst nur eine Nacht, sind aber inzwischen nach einem Zwischenstopp am nahegelegenen Lake Argyle wieder hier, denn morgen begibt sich Ingrid von Kununurra aus auf einen Panorama-Rundflug über den Kimberley National Park.

Der See, an dem unser Campingplatz in Kununurra liegt, ist leider auch Heimat einiger "Freshies" (Freshwater Crocodiles). Also keine Abkühlung, dafür aber unser zweiter sehr kleiner Sturm, der am See vorbeizieht und äußerst fotogen ist.
Der  kleine See, an dem unser Campingplatz in Kununurra liegt, ist Heimat einiger „Freshies“ (Freshwater Crocodiles). Also keine Abkühlung, dafür aber unser zweiter sehr kleiner Sturm, der am See vorbeizieht und äußerst fotogen ist.

Lake Argyle ist der größte von Menschenhand geschaffene See Australiens und hat uns einen unvergesslichen Nachmittag beschert, der uns einen eigenen Blogeintrag wert ist. Schaut bald wieder vorbei, in ein oder zwei Tagen gibt’s hier die Geschichte von einer Sunset-Bootsfahrt in bester tierischer und menschlicher Gesellschaft!