Der Sonne entgegen

Seit Wochen regnet es in Sydney, dicke graue Wolken hängen zwischen den Hochhäusern im Stadtzentrum und das Meer ist aufgepeitscht. Zugegebenermaßen haben die verregneten Tage auch etwas: Wir fühlen uns nicht ständig unter Druck, etwas im Freien zu unternehmen. Wir schlafen endlich wieder gut, weil nicht nur die Tage, sondern auch die Nächte von 30 Grad auf 20 Grad Celsius abgekühlt haben. Und Stürme bringen in Sydney nicht nur faden grauen Regenschleier, sondern Windböen, Starkregen und andere aufregende Naturphänomene. Allerdings: Endlos-Regen drückt auf die Stimmung, die sonst so gut gelaunten Bedienungen in unserem Stammkaffee machen ein Gesicht wie 30 Tage Regenwetter und unsere Sommerbräune scheint eine ferne Erinnerung zu sein.

Dann endlich macht der nasseste März seit 33 Jahren am heutigen Sonntag Pause. Der Himmel ist strahlend blau, die Temperaturen bringen den Sommer zurück und wir rasen so schnell es geht (dank australischen Tempolimits heißt das mit 110 Stundenkilometern) hinaus aus der Stadt, hinein in die Natur.

Ziel ist unser geliebter Royal National Park, allerdings wollen wir heute den südlichen Teil erkunden. Wir parken unser Auto an einem Lookout, der an sich schon einen Besuch wert ist, und marschieren zügig los. Nach einigen hundert Metern stehen wir am Rande einer Klippe, von der aus man beste Blicke Richtung Norden hat. Im Morgendunst zeichnen sich die Umrisse der Klippen ab, die überall im Royal National Park steil abfallen in’s Meer. Nachdem wir uns satt gesehen (und satt fotografiert) haben, wandern wir weiter. Der Royal National Park hält auch im Süden, was der Norden verspricht.

Jeder Kilometer hält neue Überraschungen bereit. Eine Weile folgen wir dem breiten Pfad durch Eukalyptuswälder, die auch nach den Regengüssen der letzten Wochen erstaunlich trocken wirken. Dann mischen sich immer mehr Palmbäume unter die Eukalyptusriesen, und schließlich müssen wir uns unseren weg durch hüfthohe Farne bahnen. Über mehrere hundert Meter gleicht der schmale Weg eher einem Bach, wir bleiben aber zum Glück von Blutegeln verschont, die uns in der Vergangenheit schon so manches mal in Panik versetzt haben. Schließlich lichtet sich der Wald und wir treten hinaus auf einen Steg, der durch blady grass hinauf auf einen Hügel führt, hinter dem eine Feriensiedlung liegt, über die wir schon vor einigen Monaten geschrieben haben.

Es wäre nur ein kurzer Abstecher zum berühmt-berüchtigten Figure 8 Pool (die fotogenen Felsenbäder in Form einer perfekten 8 locken massenhaft Touristen an. Der Figure 8 Pool ist inzwischen ein „Instagram-Place-to-Be“. Dass die 8 nur bei Ebbe und ruhiger See sichtbar und sicher begehbar ist, ignorieren viele.  Und weil das perfekte Foto wichtiger ist als die eigene Sicherheit, müssen immer wieder vor allem asiatische Ausflügler von dem Felsplateau gerettet werden.), aber wir beschließen, die Pools für heute auszulassen. Es liegen immerhin noch gute sieben Kilometer vor uns, außerdem ist gerade Flut, und die Wellen brechen wuchtig gegen die Felswände.

Dass das genau die richtige Entscheidung ist, zeigt sich spätestens, als wir den Rückweg antreten. Auf dem Weg zurück zum Auto kommen uns Busladungen an Menschen entgegen: Asiaten, die mehr Selfie-Sticks als Wasser dabei haben (Klischee olé!). Amerikanerinnen, die in Flip Flops den matschigen Weg hinunterrutschen. Deutsche, die die Wanderung gut gelaunt und rot gebrannt im Bikini in Angriff genommen haben. Wir erhöhen die Geschwindigkeit, um die Menschenmassen so schnell wie möglich hinter uns zu lassen. Mit verbrannten Nasen, einem breiten Lächeln, und hunderten neuen Eindrücken kommen wir nach 13 Kilometern zurück zum Ausgangspunkt.

Was für ein wunderschöner Spätsommertag! Und weil sich das Wetter über’s Wochenende noch einmal aufgerafft hat, bleibt der März 1870 mit 26 Regentagen der nasseste aller Zeiten. Status 26. März 2017: 21 Regentage, und ein wunderschöner sonniger Sonntag in unserem liebsten Naherholungsgebiet!

Wenn man weiß, dass ein sonniger Tag vor einem liegt, dann lassen sich solche Panoramen im Morgendunst gleich viel mehr genießen.
Die Rundwanderung von Otford zum Figure 8 Pool ist abwechslungsreich. Wir starten auf einem breiten Weg durch den Eukalyptuswald…
…aber bald schon wird aus dem Weg ein schmaler, von Palmen gesäumter Pfad.
Es ist dunkel und kühl, aber wenn sich die Sonne ihren Weg durch das dichte Laubdach sucht, dann scheinen die Strahlen wirklich eine Leiter in den Himmel zu sein.
Spinnennetz oder Kunstwerk?
Wir sehen sie nur aus der Ferne und in den frühen Morgenstunden: Irgendwo in diesen Felsplatten versteckt sich der fotogene Figure 8 Pool (nur wenige Augenblicke später flüchten die drei Touristen inklusive Selfie-Stick vor einer Monsterwelle).
Wir lassen den Wald hinter uns und schlendern gemütlich über einen aus Platten gelegten Pfad durch hüfthohe Grasbüschel. Was sich darin wohl alles versteckt?
…auf jeden Fall diese kleine Echse, die sich so wie wir die Sonne auf die Nase scheinen lässt, und die Wärme eindeutig genießt.
Obwohl Regentage in Sydney auch ihren Reiz haben: Bitte bleib noch ein bisschen, lieber Sommer! Und verwöhne uns mit Tagen wie diesen…

In tasmanischen Höhen: Am Cradle Mountain

Schroff ragen die Steinsäulen in den tiefblauen Himmel, es riecht dank der weißen Blüten einer nicht identifizierten Blume intensiv nach Honig, und tief unter uns leuchtet blau der Dove Lake. Wir sind seit knapp zweieinhalb Stunden unterwegs, sind in zügigem Tempo über das Hochplateau gewandert und stehen (bzw. hängen an einem Felsbrocken) kurz vor dem Ziel.

Der Cradle Mountain ist mit 1.545 Metern der fünfthöchste Berg Tasmaniens, und liegt im Cradle Mountain-Lake St Clair National Park. Er besteht wie die anderen Berge in der Region aus Diabassäulen, und bietet eine absolut einmalige Flora.

Wegen seines markanten Doppelgipfels (eigentlich sind es vier Gipfel, wir können aber nur zwei ausmachen) ist der Berg ein beliebtes Fotomotiv. Doch der Cradle Mountain hat auch aus sportlicher Sicht viel zu bieten. Während die ersten Kilometer vor allem aufgrund der Schönheit der Landschaft wie im Flug vergehen, sind in der letzten dreiviertel Stunde alle vier Gliedmaßen gefragt. Wir bahnen uns unseren Weg durch riesige Felsbrocken, klettern Steinsäulen hoch und wundern uns, dass hier keine Sicherheitsseile gespannt sind.

Dann sind wir endlich oben, und die Gipfeleuphorie setzt ein. Wir schwitzen und staunen, schießen Foto um Foto, und genießen die unglaubliche Fernsicht. Die Berge haben uns gefehlt in den letzten Monaten, und wir dehnen das Gipfelpicknick aus, um das Gefühl ganz auskosten zu können.

Der Cradle Mountain ist definitiv ein Must See in Tasmanien, auch wenn der Weg dorthin etwas umständlich ist. Wir bereuen die fünfstündige An- und Rückfahrt keine Minute. Wenn man den Gipfel in’s Visier nimmt, dann sollte man trittsicher und konditionsstark sein. Wer an Höhenangst leidet, lässt die Besteigung des lieber bleiben, und genießt die Sauergraswiesen und farbenprächtige Vegetation des Hochplateaus. Den Gipfel sollte man nur bei guten Wetterbedingungen in Angriff nehmen, ist es nebelig oder regnerisch, dann gibt man sich ebenfalls besser mit der Umrundung des Dove Lakes oder einer Wanderung auf die Hochebene zufrieden. Und wer so wie wir am Ende des Tages noch eine mehrstündige Autofahrt vor sich hat, sollte um spätestens drei wieder beim Auto sein.

Ausgangspunkt: Es gibt mehrere Möglichkeiten, wir sind vom Parkplatz am Dove Lake los gewandert. Ist man früh genug dran, kann hier parken, für alle anderen gibt es einen Shuttle-Service vom Visitor Centre. Nicht vergessen, sich in das Tourenbuch einzutragen (und nach erfolgreicher Rückkehr wieder aus)! Das hilft den National Park Rangern, bei den ganzen Touristen im Park den Überblick zu behalten, und niemanden zu „verlieren“.

Runde: Dove Lake Parkplatz – Wombat Pool – Marion’s Lookout – Kitchen Hut – Cradle Mountain Summit – Abstieg je nach Zeit über den Lake Willis steil und direkt hinunter zum Dove Lake, oder über den Hansens Peak/Lake Rodway Track zurück zum Parkplatz (30 Minuten länger)

Zeit: veranschlagt sind 6-8 Stunden, wir haben insgesamt 4:20h gebraucht (sind aber auch wirklich schnell marschiert)

Kondition erforderlich, aber nicht das große Thema. Trittsicherheit unbedingt, die Wanderung ist nicht geeignet für Menschen, die an Höhenangst leiden. Die Kletterei auf den Gipfel ist anspruchsvoll, wer schon nach den ersten 15 Minuten ein ungutes Gefühl hat, sollte umdrehen – leichter wird’s nicht!

Jeder Wanderer muss sich vor Start in eine Liste eintragen, inklusive voraussichtlichem Ausflugsziel und Startzeit.
Unser Ziel, der Cradle Mountain Summit, vom Parkplatz am Dove Lake aus gesehen.
Der Weg hinauf führt über eine Hochebene, die markanten Zwillingsgipfel des Cradle Mountain immer im Blick.
Die Vegetation auf dem Hochplateau ist vielfältig, und leuchtet in allen Grüntönen.
Die blühenden Büsche, die wir leider nicht bestimmen können, sind eine Augenweide.
Es blühen die schönsten „Alpenblumen“ entlang der gut ausgebauten Wege.
Dann geht es bergauf. Nur mehr 45 Minuten zum Gipfel, aber die haben es in sich!
Die Steine, die uns hier im Weg liegen, sind RIESIG!
Langsam aber stetig bahnen wir uns unseren Weg nach oben…
Und landen teilweise in luftigen Höhen…
Aber der Weg ist jeden Schweißtropfen wert – vor allem wenn man inmitten duftender Blumenteppiche Rast machen kann.
Und dann, endlich, sind wir oben. Was für eine Aussicht!
Die Gipfelpause ist redlich verdient, und die warmen Sonnenstrahlen sind eine Wohltat, nachdem wir am Morgen in Skiunterwäsche aufgebrochen sind.
Tief unter uns liegt der Dove Lake, unser Ausgangspunkt.
Der Abstieg dauert erstaunlich lange, obwohl es nur knapp über 900 Höhenmeter sind, die uns vom Parkplatz trennen.
Fast geschafft… Endlich!
Erste Zeile, erfolgreich zurückgekehrt. It was awesome!