Bird People

Zu siebt sitzen sie auf Klappstühlen unter dem Baum, ausgerüstet mit Ferngläsern, bekleidet mit langärmeligen Hemden und großen Hüten, und halten sich die Walkie Talkies ans Ohr um über die Lage am Strand informiert zu bleiben. Dort versuchen elf weitere “Bird People”, alle Zugvögel in der Umgebung in eine Richtung zu treiben, nämlich Richtung Netz, das am Strand versteckt ausgelegt ist und nur darauf wartet, über einen großen Vogelschwarm geschossen zu werden.

Der Kanadier Mark hat uns unter seine Fittiche genommen und erklärt uns genau, was hier in den nächsten Stunden passieren soll. Sobald die Vögel eingefangen sind, werden sie aus dem Netz befreit, in Kisten gepackt und dann bestimmt und beringt. Dann werden die Vögel wieder freigelassen, und können sich sich auf ihre Reise in den Norden – nach China und Sibirien – begeben. Ornithologen im ganzen pazifischen, australischen und chinesischen Raum erhalten so Daten zum Flugverhalten und zur Lebensweise der Zugvögel. “Was ihr für ein Glück habt!”, seufzt Mark. “Dass Clive euch persönlich eingeladen hat mitzumachen! Die meisten von uns zahlen ziemlich viel Geld, um an der Expedition teilnehmen zu dürfen. Denn obwohl das bedeutet, dass wir drei Wochen lang in Zelten irgendwo in der Wildnis schlafen, viele Stunden in der Sonne warten, am Strand schnell ein Brot zu Mittag essen, und den ganzen Tag draußen arbeiten – was für ein einmaliges Erlebnis! Und Clive ist einfach eine Koriphäe auf dem Gebiet, viele der Biologen und Ornithologen hier sind nur gekommen, um mit ihm zu arbeiten.”

Als wir später recherchieren, erfahren wir: Clive Minton hat mit Auszeichnung in Cambridge Metallurgie studiert, ist 1978 nach Melbourne ausgewandert um hier als Chef der Imperial Metal Industries Australia zu arbeiten. Nebenbei hat er als Amateur-Vogelkundler “Cannon-Netting” erfunden (also das, was wir im Begriff sind zu machen, nämlich ein Netz über eine Schar Vögel zu schießen), ist Experte für Wasser-Zugvögel und hat mehrere Organisationen gegründet, die sich äußerst erfolgreich dem Schutz und der Beobachtung von Vögeln im australisch-asiatischen Raum verschrieben haben. Clive ist auch halbtaub (das erfahren wir nicht im Internet, sondern im echten Leben), fragt Ingrid bestimmt zehnmal nach ihrem Namen und stellt uns äußerst liebenswert der Gruppe vor: “Das sind Steven und Ingrid, sie helfen uns heute. Zeigt ihnen alles was sie wissen müssen, sie sind Bird People aus Salzburg und jung und fit, und ich will dass sie mithelfen.”

Hier sitzen wir nun also, warten auf dass Zeichen dass die Vögel zusammengetrieben sind und sich am Strand in Sicherheit wiegen. Und dann – ein lauter Kanonenknall und unser Startzeichen! Alle springen aus ihren Sitzen auf, rennen aus der Deckung hinunter an den Strand, am Wasser entlang, halten das Netz auf Wasserseite in die Höhe um die Vögel vor dem Ertrinken zu bewahren. Unter dem Netz flattert es, hunderte Vögel zwitschern voll Panik, schmeißen ihre kleinen Körper immer wieder in die Höhe, ohne Erfolg. Dann beginnt die Befreiung der Vögel aus dem Netz, beziehungsweise ihr Transfer in die bereitgestellten Boxen. Fachkundig und gelassen greifen die (Hobby)Ornithologen nach den kleinen Federkugeln, hören auf die laut gerufenen Befehle des Expeditionsleiters Rick: “45 red-necked stints! 19 greater sand plovers! As many little terns as you can find!”. Wir beschließen, dass wir hier am besten helfen, wenn wir einfach ein paar Schritte zurücktreten und schauen. Plötzlich wird Ingrid ein Vogel in die Hand gedrückt: “Hier, bring den rüber in den Schatten zu Clive!” Und los geht’s!

Wir sind mitten drin statt nur dabei, helfen beim Transportieren der Boxen, fangen sogar einen freilaufenden Vogel am Strand ein, der sich bei der Aktion leicht verletzt hat. Und dann beginnt das Bestimmen und Beringen. Wir bilden kleine Teams, denen jeweils eine Spezies zugewiesen wird. Dann zählen wir Flügelfedern (der Code ist uns immer noch nicht ganz klar, aber die Anzahl, Länge und Färbung der Federn gibt Auskunft über das Alter des Vogels), legen Ringe um die kleinen Füße, befestigen bunte Flaggen und identifizieren Vögel, die beim Einfangen bereits beringt waren – die also schon in den letzten Jahren an diese Strände gekommen sind. Der schönste Teil der Arbeit? Ist definitiv, wenn man nach der ganzen Prozedur die Boxen an den Strand bringen und die Vögel freilassen kann!

Was für ein Tag, was für ein unverhofftes Abenteuer, was für ein einmaliges Erlebnis!

Auf los geht's los! Der Kanonenschuss löst das große Rennen aus.
Auf los geht’s los! Der Kanonenschuss löst das große Rennen aus.
Wir rennen am Strand entlang Richtung Netz, um die gefangenen Vögel aus dem Wasser zu retten.
Wir rennen am Strand entlang Richtung Netz, um die gefangenen Vögel aus dem Wasser zu retten.
"Netze hoch!" So können die Vögel sich aus dem Wasser Richtung Strand flüchten.
„Netze hoch!“ So können die Vögel sich aus dem Wasser Richtung Strand flüchten.
Diese Boxen werden mit Meerwasser ausgespült und mit einem Tuch bespannt, in das ein Schlitz geschnitten ist.
Diese Boxen werden mit Meerwasser ausgespült und mit einem Tuch bespannt, in das ein Schlitz geschnitten ist.
Dann werden die Vögel einer nach dem anderen aus dem Netz befreit und in die Boxen gepackt - das klingt brutaler als es ist!
Dann werden die Vögel einer nach dem anderen aus dem Netz befreit und in die Boxen gepackt – das klingt brutaler als es ist!
Die ganz speziellen werden uns in die Hände gedrückt - schnell rüber damit zu Clive.
Die ganz speziellen Great Knots (Großer Knutt) werden uns in die Hände gedrückt – schnell rüber damit zu Clive.
Der überwacht das Geschehen und kontrolliert mit Argusaugen, dass alle Vogel-Fang-und-Bering-Standards eingehalten werden.
Der überwacht das Geschehen und kontrolliert mit Argusaugen, dass alle Vogel-Fang-und-Bering-Standards eingehalten werden.
Was für ein Gefühl diese wunderschönen Tiere in den Händen zu halten...
Was für ein Gefühl diese wunderschönen Tiere in den Händen zu halten…
BEAUTY! :-)
BEAUTY! :-)

Tierische Tage

Tierisch war es bisher, und tierisch geht’s weiter… vor allem mit Meeresgetier! Wir haben die letzen Tage vor allem am Meer (und natürlich ein bisschen im Auto) verbracht. Von Monkey Mia ging’s Richtung Norden nach Coral Bay und dann weiter nach Exmouth bzw. in den Cape Range National Park.

Die Autofahrten sind lang und eintönig, aber dann doch wieder so aufregend und anders und spannend. Seit einigen hundert Kilometern ist die Straße gesäumt von Termitenhügeln, die aus steppenartiger Landschaft ragen. Immer wieder stehen wilde Schafe und Ziegen am Straßenrand, und wir sind sogar schon einem sehr abgemagerten Pferd begegnet. Und natürlich die obligatorischen Kängurus und Wallabies (kleine Kängurus), allerdings leider bereits meist mausetot. Denn hier auf dem Highway, der die Westküste entlangführt, wird für Getier nicht abgebremst sondern einfach draufgehalten – wenigstens nicht von den Lastwagenfahrern, die bis zu 60 Meter Monster durch die Gegend lenken. Wir Touristen in unseren Campern sind natürlich mehr von lebendigen als von toten Wappentieren begeistert.

Hunderte Straßenkilometer durch die unwirtliche Steppe... wenigstens schaut es aus dem Auto so aus als würde hier nichts gedeihen. Bleibt man stehen und schaut genauer hin, dann... Leben überall!
Hunderte Straßenkilometer durch die unwirtliche Steppe… wenigstens schaut es aus dem Auto so aus als würde hier nichts gedeihen. Bleibt man stehen und schaut genauer hin, dann… Leben überall!
Und immer wieder säumen Termitenhügel unseren Weg. Manche sind bis zu zwei Meter hoch.
Und immer wieder säumen Termitenhügel unseren Weg. Manche sind bis zu zwei Meter hoch.

Coral Bay ist eine Feriensiedlung an der Coral Coast, dort beginnt das Ningaloo Reef. Nur wenige hundert Meter vor der Küste (an manchen Stellen sogar fast direkt am Strand) zieht sich das Reef bis weit hinauf in den Norden. Die Hart-Korallen sind Heimat unendlich vieler Fische und Meeresgetiere, und zwar nicht so bunt wie die weichen Korallen die wir bereits in Fiji und Indonesien gesehen haben. Dafür sind diese harten Korallen wunderbar geformt – die unmöglichsten Gebilde wachsen hier unter Wasser, und sie haben sehr passende Namen. Zum Beispiel gibt es hier die Cabbage Coral (Krautkopf Koralle), die als “Waschstraße” für Weißspitzen-Riff-Haie dient. Die Cabbage Coral ist auch unser erster Stopp, als wir zum Schnorcheln hinausfahren auf’s offene Meer. Obwohl natürlich nichts versprochen werden kann, weil es sich ja um wilde Tiere handelt, verspricht die Tour “Schnorcheln mit Mantarochen und Meeres-Schildkröten”. Dass es dann gleich mit Haien losgehen soll, sorgt für ein mulmiges Gefühl in der Magengrube. Doch sobald wir im Wasser sind flaut die Aufregung ab und wir bestaunen mit großen Augen die gefürchteten Meeresjäger, die sich nur wenige Meter von uns entfernt die Zähne von vielen kleinen Fischen säubern lassen. Dann geht die Suche nach den Mantarochen weiter. Und tatsächlich sind wir erfolgreich (auch dank eines “Spotter Planes”, dessen Pilot aus der Luft das Meer absucht nach den großen diamantförmigen Fischen). Vier Meter breit werden die Tiere, und als wir mit einem Rochen mitschwimmen, können wir unser Glück kaum fassen. Doch der beste Durchgang kommt zum Schluss. Während wir uns vorher vor allem an die Lead-Schwimmerin gehalten haben, schnorcheln Stefan und ich bei diesem dritten Aufenthalt im Wasser alleine ca. 30 Meter von den anderen entfernt. Und plötzlich schwimmt sie da – vor, unter und mit uns – eine Meeresschildkröte. Wir spielen, staunen, tauchen, filmen… und sind die Allerletzten zurück auf dem Boot (und verlassen auch dann nur das Wasser, weil wir hinausgerufen werden). Wow!

"Hallo, Hallo!" - In diesen klaren und spannenden Gewässern werden sogar wir zu richtigen Wasserratten!
„Hallo, Hallo!“ – In diesen klaren und spannenden Gewässern werden sogar wir zu richtigen Wasserratten!
Da schwimmt sie, unsere Freundin die Meeresschildkröte! Was für ein majestätisches freundliches Tier!
Da schwimmt sie, unsere Freundin die Meeresschildkröte! Was für ein majestätisches freundliches Tier!

Nach zwei unvergesslichen Tagen in Coral Bay fahren wir in den Cape Range National Park rund 330 Kilometer im Norden. Wir verbringen die Nacht im unglaublich idyllischen Bushcamp (d.h. keine Duschen, kein Strom, nur „Bush-Loo”) am Yardie Creek. Hier gräbt sich direkt vom Strand eine Schlucht aus rotem Fels ins Hinterland, auf deren Grund ein nie versiegender Wasserlauf “fließt”, der vom Meer gespeist wird. Unser Abendspaziergang ist der Wahnsinn, die Felsen leuchten im tiefsten Rostrot, und wir sehen sogar die Felsen-Kängurus, die hier mitten im Steilfelsen leben. Außerdem ziehen Raubvögel über unseren Köpfen ihre Kreise, wir schrecken mehrere Euros auf (kleine Kängurus) und stoßen sogar auf wilde Bergziegen mit prächtigen Hörnern. Für einen solchen Spaziergang bei Sonnenuntergang verzichten wir gerne auf eine Dusche!

Bei Yardie Creek zwängt sich die Gorge direkt hinein vom Strand ins Landesinnere. Der Spazierweg entlang der Schlucht hat es in sich - Panorama und Getier soweit das Auge reicht!
Bei Yardie Creek zwängt sich die Gorge direkt hinein vom Strand ins Landesinnere. Der Spazierweg entlang der Schlucht hat es in sich – Panorama und Getier soweit das Auge reicht!
Ja wer springt uns da über den Weg? Ein quitschfideles, sehr sehr süßes Känguruh!
Ja wer springt uns da über den Weg? Ein quitschfideles, sehr sehr süßes Känguruh!
Die Schlucht ist sehr fotogen, und wir können uns einfach nicht losreißen - auch wenn wir den Rückweg dann im Dunkeln einlegen müssen.
Die Schlucht ist sehr fotogen, und wir können uns einfach nicht losreißen – auch wenn wir den Rückweg dann im Dunkeln einlegen müssen.
Keine Ahnung, wie sie es da rauf-/runterschaffen: Aber in den Steilfelsen leben Felsenkänguruhs! Hier der Beweis.
Keine Ahnung, wie sie es da rauf-/runterschaffen: Aber in den Steilfelsen leben Felsenkänguruhs! Hier der Beweis.

Am nächsten Tag tuckern wir gemütlich die Küste entlang und machen Halt wo es uns gefällt, zum Beispiel in der Turquoise Bay. Hier ist das Wasser so klar wie in einer Badewanne, der Strand ist weiß und die Fische äußerst zutraulich. Nur wenige Meter vom Strand entfernt zieht sogar ein Hai seine Kreise… Irgendwie schauen die Viecher vom Strand aus bedrohlicher aus als im Wasser!

...ohne Worte...
…ohne Worte…

Die letzten Tage waren wirklich wunderbar, aber morgen geht es ab in’s Landesinnere. Zeit, etwas Outback-Staub aufzuwirbeln! Der nächste Eintrag kommt bestimmt, allerdings erst wenn’s wieder Internet gibt!