Fa-bu-lous im Pferdefieber

„Fa-bu-lous!!!“ ist das Wort, mit dem meine Arbeitskollegin Sarah den Dresscode bei den Pferderennen in Rosehill beschreibt. Na gut, sie muss es wissen, immerhin hat Sarah 10 Jahre lang in der Fashionindustrie gearbeitet, und zwar im Luxussegment. Fabulous bedeutet: ein helles Kleid für die Damen, einen Hut aus Stroh oder einen Fascinator (das ist dieser lustige Kopfschmuck aus Federn, Schnüren oder Bast) und Stöckelschuhe (O-Ton Sarah: „Heels! No flats! Absolutely heels!“).

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Für Herren ist ein Anzug angesagt, eine bunte Krawatte und im Idealfall ein buntes Einstecktuch.

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Heute haben wir uns also geschniegelt und gestriegelt auf den Weg gemacht nach Rosehill. Das Städtchen liegt einige Kilometer außerhalb von Sydney, dort findet jedes Jahr ein preisträchtiges Pferderennen statt. 3,5 Millionen Australische Dollar liegen heute im Topf für das Golden Slipper Rennen (für das auch wir unsere kostenlosen Tipps abgeben, aber es ist wirklich schwer, die ersten 7 Plätze in der richtigen Reihenfolge zu raten, ohne die Namen der Pferde zu kennen).

Wir kommen um halb 11 an der Pferderennbahn an und suchen nach einem Kaffee. Die Suche gestaltet sich als nicht so einfach: Die Australier stehen bereits mit Tooheys -einer australischen Biermarke – in der Hand da, oder nippen Whiskey Cola aus Dosen. Die aufgeputzten Damen gehen den Tag gemütlicher an und nippen von ihren Sektgläsern. Schließlich haben wir doch Glück, und mit dem Muntermacher in der Hand machen wir uns auf dem Weg zur Rennstrecke. Unglaublich, mit welcher Geschwindigkeit die Pferde an uns vorbeiziehen.

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Kurz vorm 4. Rennen packt Ingrid dann doch das Wettfieber, und sie setzt 10 Dollar auf eine neuseeländische Stute mit dem putzigen Namen Habibi. Das Setzen ist gar nicht so einfach: immerhin gibt’s verschiedenste Wettformen. Soll’s Win Only, Place Only, Best Fluc, Quinella oder Exacta sein?
Nach kurzer, aber intensiver Recherche im Internet entscheiden wir uns für Place Only. Bedeutet, dass man einfach ein Pferd aus dem Startfeld (13-16 Pferde) auswählt. Um zu gewinnen, muss dieses auf einen der ersten 3 Plätze kommen – die Gewinnausschüttung ist natürlich gekoppelt an den Einsatz und die Buchmacher-Quote für das entsprechende Pferd.
Habibi ist eine wenig riskante Wahl, bei einer Quote von 1,65 Dollar pro Dollar Einsatz. Und tatsächlich haben wir nach dem Rennen 6,50 Dollar mehr in der Brieftasche – die wir auch gleich in ein Tooheys investieren.

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Weil Ingrid höchstgradig suchtgefährdet ist, wettet sie auch bei den nächsten 2 Rennen. Es ist einfach zu aufregend, wenn das Pferd auf das man gesetzt hat, in der letzten Runde noch zum Überholen ansetzt und aus dem Mittelfeld aufschließt. Und tatsächlich: Appearance bringt 11 Dollar Gewinn, und Sweet Idea ist „a good girl“, wie der Buchmacher schmunzelnd bemerkt, und Ingrid bekommt 30 Dollar zurück, bei einem Einsatz von 10 Dollar. Das Mitfiebern macht Riesenspaß, und man kann sich auch über kleinere Gewinne so richtig freuen!

Aber was spielt sich denn so auf den Tribünen und an den Seiten der Rennbahn ab? Ist hier wirklich alles „fabulous“?

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Die meisten Männer sind tatsächlich elegant gekleidet, das wichtigste Accessoire für die männlichen Gäste ist die Bierdose oder Flasche.
Frau braucht mindestens zwei Handtaschen: eine schicke kleine Clutch (das sind diese Taschen, die man unter den Arm klemmt, in Ermangelung eines Henkels oder Umhängegurts), und eine Plastiktasche mit Eiswürfeln, in der eine Flasche Champagner oder Wein steckt.
Und ohne stutenbissig sein zu wollen (obwohl die Gefahr natürlich besteht, mit den ganzen Pferden auf der Rennbahn): Das Wort, mit dem sich die meisten jungen Frauen unter 30 beschreiben lassen ist nicht fabulous, sondern billig.
Die Röcke sind sehr sehr kurz, die Absätze sehr sehr hoch, und die Oberteile sehr sehr eng. Da kann auch der farblich passende Hut das Outfit nicht mehr „fabulous“ machen.
Zu schauen gibt es aber trotzdem – oder gerade deswegen – sehr viel… vor allem für Stefan ;-)
Und natürlich ist wie immer nicht alles schwarz oder weiß. Es gibt auch sehr geschmackvolle Damen, mit supercoolen Hüten und eleganten Kostümen (leider hatten wir heute unsere Kamera nicht dabei, um diese kleinen Details ganz geheim per Teleobjektiv zu dokumentieren).

Am Ende dieses sehr aufregenden Tages fassen wir ein australisches Pferderennen so zusammen: Es ist wirklich beeindruckend, die Pferde vorbeiflitzen zu sehen. Unglaublich, welche Geschwindigkeit die Tiere scheinbar mühelos erreichen. Jockeys sind kleine dürre Männchen, die angesichts der Kraft der Pferde geradezu lächerlich hilflos wirken.
Bei australischen Pferderennen geht es in erster Linie um eine Party im Freien, um Alkohol und Zeit mit (gleichgeschlechtlichen) Freunden. Die meisten Wetten werden von Männern abgeschlossen – aber wenn Ingrid mal mitmacht, dann gewinnt sie. Das australische Bier schmeckt fantastisch, und zur Dose bekommt man einen Überzug (damit das Bier kühl bleibt, oder bei den heutigen Temperaturen von ca. 20 Grad: damit die Finger nicht kalt werden). Vor dem Hauptrennen wird die Nationalhymne gespielt, alle stehen auf, singen mit und klatschen und jubeln, wenn der letzte Ton verklungen ist. Pferderennen machen Spaß.

http://www.youtube.com/watch?v=l8Nfy3mfGTQ