Im Gebüsch do gibt’s koan Sünd…

La Perouse ist ein geschichtsträchtiger Ort: Hier landete vor 225 Jahren ein französischer Seefahrer mit ebendem Namen, nur wenige Tage nachdem Captain Arthur Phillip und die erste Flotte mit britischen Häftlingen ganz in der Nähe angelegt hatten. Wenn man sich vorstellt, was dieser Moment auch für die Gefangenen damals bedeutet haben muss: Nach Monaten auf hoher See, halbverhungert in einem Land anzukommen, über das man nichts weiß. Und zu wissen, dass man zwar dem Tode (durch den Strang oder auch durch die Krankheiten auf dem Schiff) entronnen ist, aber hier vielleicht eben auch den Tod vorfindet. Auch heute noch setzen die meisten Besucher ihren Fuß nur wenige Kilometer entfernt zum ersten Mal auf australischen Boden, allerdings in weit freudigerer Erwartung als die Häftlinge damals. Der Flughafen von Sydney bestimmt das Bild von Botany Bay, und nahezu im Minutentakt landen/starten die Flieger. Interessante Bemerkung am Rande: Weil der Flughafen anscheinend so bequem und super ausgebaut ist, und viele Backpacker ihn daher als Hotel für eine Nacht „missbraucht“ haben (weil sie zum Beispiel erst spätabends angekommen sind, aber bereits früh am nächsten Morgen einen Camper abholen wollten), ist der Kingsford-Smith Airport jetzt zwischen Mitternacht und 3 Uhr morgens geschlossen. Außer denen, die einen Anschlussflug für den nächsten Morgen vorweisen können, werden alle Besucher aus dem Flughafengebäude begleitet. Aber nun zurück nach La Perouse.

Jeden Sonntag findet dort im Freien für Passanten eine Reptilienschau statt. Ein Freiwilliger des herpetologischen Vereinigung präsentiert in La Perouse nicht nur die giftigsten Schlangen der Welt, indem er sie keinen halben Meter von den Gesichtern des Publikums in die Runde zeigt. Er gibt auch jede Menge Anekdoten zum Besten – und was für welche! Eine Brown Snake habe ihn schon mal bei einer öffentlichen Vorstellung gebissen, geradewegs in die Nase. Und zu allem Unglück sei auch noch seine Mama im Publikum gewesen. Nun denn, 16 Stunden später sei er zum Glück gesund aus dem Koma erwacht. Allerdings habe sein Brustkorb extrem geschmerzt, weil die Ärzte ihn viermal wiederbelebt hätten. „Nichtsdestotrotz – nur maximal 8 Menschen sterben jährlich in Australien, weil sie von Schlangen gebissen werden. Wisst ihr, welches das tödlichste Tier ist auf diesem Kontinent? Das Pferd, 40 Menschen müssen jedes Jahr dran glauben. Und wer geht schon bei einem Pferd vorbei und sagt: ‚Uh, das ist aber ein tödliches Vieh.'“ Seine Logik in allen Ehren – ein Pferd wirkt nun mal nicht so unberechenbar wie eine Schlange. Obwohl es durchaus beruhigend ist zu sehen, wie lange der Schlangenmann die Reptilien mit seinen Füßen reizen muss, bevor sie überhaupt in Angriffsstellung gehen.

la perouse 1

Nach der Schlangenschau – bei der auch ein kurzer Einblick in Erste-Hilfe-Maßnahmen bei Schlangenbissen gegeben wird – beschließen wir, uns auf einen kleinen Bushwalk zu begeben. Den Hinweisschildern nach wandert man 1,6 Kilometer durch Buschland und dann am Strand entlang zu einem „xxx Head“. Den genauen Namen haben wir leider aufgrund der im Folgenden geschilderten Erlebnisse vergessen…

Stufen führen uns durch dichtes Buschland hinunter zu einem Strand. Die Sonne scheint, wir wandern die kleine Bucht entlang, und auf der anderen Seite wieder hinein in den Wald. Nach wenigen hundert Metern dann die nächste Bucht. Über schlammige Steine führt der Weg zum Strand, Ingrid ist völlig darauf konzentriert, nicht auszurutschen und wendet die Augen nicht ab vom Pfad. Stefan indessen warnt von hinten: „Pass auf, rutschig. Und da vorne ist ein Nackter!“ Ein Nackter? Und da steht es auch schon, ein verwittertes, kaum lesbares Schild: Naturist Beach, FKK-Strand also. Davon wollen wir uns nicht abhalten lassen, und beschließen einfach tapfer auf die andere Seite der Bucht, und über die Felsen weiter zum nächsten Wald zu marschieren. Die Blicke gesenkt, tatsächlich sind wir schnell vorbei an den ausschließlich männlichen (und wegen der Jahreszeit sehr wenigen) nackten Sonnenanbetern.

la perouse 3

Nur leider stellt sich der eingeschlagene Weg über die Felsen am Meer als Sackgasse heraus, und wir müssen wohl oder übel wieder zurück. Kaum am Strand, kommt uns ein Nackter mit Zigarette entgegen, spricht uns freundlich an und meint, wir sollen uns nicht abhalten lassen. Das sei keine Sackgasse, es gebe einen kleinen Durchschlupf in den Felsen, und wenn wir erst mal auf der andere Seite seien, dann sei der Weg ganz leicht zu finden. Und bevor wir wissen wie es uns geschieht, wandert er vor uns her, und sein kleiner nackter Hintern weist uns den Weg. Er plappert ununterbrochen, erklärt uns dass das einer von nur drei FKK-Stränden in Sydney sei. Und dass hier auch jede Menge „Weirdos“ (Verrückte) unterwegs seien. Dann wirft er Ingrid einen Blick zu und meint: „Aber keine Sorte. Die meisten davon sind schwul.“ Stefan allerdings solle besser aufpassen. Und schmunzelt (aber auf sympathische, nicht verrückte Art und Weise!).

Dann klettert unser Wanderführer splitterfasernackt durch einen kleinen Tunnel im Felsen. Auf der anderen Seite angekommen, entdecken wir tatsächlich eine Weg. Der Nackte verabschiedet sich, stellt sich dann auch nochmal höflich vor (leider können wir uns den Namen nicht merken) und schüttelt uns zum Abschied die Hand.

Auf dem Rückweg beschließt Stefan, dass es doch ganz schön sei, wenn wir den Nudistenstrand umgehen könnten, und stattdessen durch den Wald zurück wandern. Gesagt, getan. Wir kämpfen uns den Weg durch’s Dickicht, gehen ausgetretene Pfade entlang, und plötzlich: läuft keine fünf Meter vor uns ein Nackter ins Gebüsch. Wir gehen weiter und plötzlich raschelt es überall. Dort ein nackter Hintern, hier ein nackter Fuß. Auf schnellstem Wege wollen wir raus aus dem Wald, nix wie runter zum Strand. Ingrid bringt so manchen in Verlegenheit, und bemüht sich sehr, die Kamera mit dem großen Teleobjektiv so unauffällig und beiläufig wie möglich zu tragen. Eine unangenehme Situation für beide Parteien: die unfreiwillige weibliche Fotografin (die natürlich nix weniger im Sinn hat als ein Foto zu schießen) und die schwulen Nudisten, die sich im Wald nach bestem Wissen und Gewissen getarnt und versteckt haben.

Unser Wanderführer nimmt’s mit Humor, und uns damit auch die Verlegenheit: als wir mit hochroten Köpfen aus dem Dickicht stolpern und ihm von unseren Entdeckungen erzählen, schmunzelt er, zwinkert Stefan zu und erklärt uns, dass es direkt auf dem Hügel nebenan einen sehr beliebten Platz gebe, auf dem junge Sydneysider gerne mit ihrer Freundin rummachen. Uns reicht’s für heute mit den Entdeckungswanderungen durch die Wälder von La Perouse. Aber trotzdem ist es schön, dass man heutzutage statt auf halbverhungerte Gefangene auf gutgebräunte Liebeshungrige trifft in dieser Gegend.

la perouse 2