Frühlingsreif

Wir sind frühlingsreif. Bereit für wärmeres Wetter, längere Abende, Kaffee am Strand. Doch irgendwie will Australien nicht so recht. Zwar ist das Thermometer schon ein paar Mal über die 28 Grad Marke geklettert, aber noch kann man sich auf die angenehmen Temperaturen nicht verlassen. Der gestrige Samstag war verregnet und grau, und heute ist es trotz strahlend blauem Himmel richtig kalt. Ein starker Wind bläst den zahlreichen Spaziergängern in Bondi den Sand in die Ohren, die Augen und sogar in die Socken (trotz geschlossener Turnschuhe. Keine Ahnung, wie das funktioniert).

Das ungemütliche Wetter hat tausende Strandtouristen freilich nicht davon abgehalten, zur am Freitag eröffneten jährlichen Freiluft-Galerie „Sculptures by the Sea“ zu kommen. Wir haben vor vier Jahren schon darüber geschrieben, aber dieses einzigartige Event ist definitiv einen weiteren Blogeintrag wert.

Über 520.000 Besucherinnen und Besucher bestaunen jedes Jahr die rund 100 Skulpturen, die entlang der Klippenpromenade von Bondi nach Tamarama ausgestellt sind. Sculptures by the Sea ist Kunst für die ganze Familie. Selbst Kunstmuffel können den ausgefallenen Installationen etwas abgewinnen (wer kann schon einem lebensgroßen, auf dem Rücken liegenden Nashorn, das halb im Sand verbuddelt ist, widerstehen!). Und selbst wenn nicht, die Natur ist hier ohnehin der großartigste Künstler, und die Ausblicke entlocken Einheimischen wie Touristen gleichermaßen entzückte Freudenschreie.

Wir unternehmen unseren ersten Besichtigungsversuch am Sonntagmorgen um 8 Uhr. Trotz Pullover und Windjacke wird es uns bald zu kalt, und wir beschließen abzubrechen und stattdessen frühstücken zu gehen. Ein guter Plan! Nach einem heißen Kaffee und einer köstlichen Stärkung in unserem zukünftigen Stammlokal (das sich praktischerweise fast direkt unter unserer Wohnung befindet), unternehmen wir einen zweiten Versuch.

Jetzt strahlt die Sonne vom Himmel, und es ist gar nicht so kalt. Leider haben das auch eine gefühlte Million andere Menschen mitbekommen, und es ist praktisch unmöglich, ein Foto von einer Skulptur ohne Mitmenschen darauf zu schießen. Egal, immerhin handelt es sich hier um eine Freiluft-Gallerie. Und je mehr Menschen zu dieser außergewöhnlichen Veranstaltung kommen, desto besser. Denn die Kunst hier regt an, zum Nachdenken, Stirnrunzeln, Lächeln und Für-das-Selfie-Posen. Und das ist es ja, was Kunst erreichen will, oder?

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Sculptures by the Sea

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Ein Blick in die Kristallkugel zeigt: das Wetter bleibt schön, die Wellen bleiben massiv, und die Wolken, die vorbeiziehen, sind völlig harmlos. Für diese Prognose braucht es freilich keine Wahrsager-Kugel, ein Blick in Lucy Humphreys Skulptur Horizon reicht völlig. Die Lupenkugel ist zu Recht eines der meistbestaunten Kunstwerke beim diesjährigen Sculptures by the Sea.

Die Kunstausstellung entlang des Coastal Walks von Bondi nach Tamarama findet in diesem Jahr bereits zum 17. Mal statt, und ist wirklich einen Besuch wert. Hier finden sich Bleistiftspitzer in Übergröße, Aluminiumschalen in denen sich die Umgebung spiegelt, sogar eine Soundinstallation in Form eines Dixi-Klos. Ein menschliches Skelett fährt mit einem Stein auf dem Rücken auf einem Rad einen Balken hinauf, orange Kugeln drehen sich mit dem Wind, eine Weltkugel aus Plastik zeigt auf, womit wir unsere Erde zumüllen. Am Strand von Tamarama gibt es eine Hommage an die life savers – wenigstens interpretiere ich so die vielen rot-gelben Fähnchen (in den Rettungsschwimmerfarben), die im Sand stecken. Sehr fotogen ist auch der rote Plastikkopf, der eine Riesen-Kaugummiblase Richtung Bondi bläst. Allerdings sollten sich KunstliebhaberInnen lieber an einem Wochentag und so früh wie möglich auf den Weg machen. Denn abends und an den Wochenenden staut es auf dem Küstenweg. Ein scheinbar unendlicher Fluss von Schaulustigen wälzt sich dann den Weg entlang. Und das ist kein Wunder, denn hier werden selbst Kunstmuffel angeregt zum Schauen und Genießen.

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Wem die Gebilde nichts sagen, der kann immer noch das größten Kunstwerk unter dem australischen Himmel bewundern: Die Wellen, die unablässig an die Klippen schlagen. Die Felsen, die von Wind und Wetter geformt worden sind. Die kleinen gelben Blüten, die hartnäckig der Sonne trotzen. Das tiefe Blau des Himmels, und die vielen Grün- und Blautöne des Meeres. Wer immer das auch designed hat, ist wirklich sehr begabt.