Im tiefsten Winter…

Die Temperaturen sind (hoffentlich) wieder auf dem Tiefstpunkt angelangt, die Wellen peitschen an den Strand, und abends pfeift oft der Wind um’s Haus und durch die Straßen. Es ist Winter hier in Sydney, und wir versuchen uns mit Ingwertee, Linsensuppen und Elektroheizkörpern unterm Schreibtisch aufzuwärmen.

Ingrid hat auf ihrer Geschäftsreise nach Österreich wenigstens ein bisschen Sommer schnuppern können (Wahnsinn, wie lange es abends hell ist in Europa! Und dass man in Salzburg auch mitten in der Nacht noch mit kurzem T-Shirt im Straßencafé sitzen kann, erlebt man auch nicht so oft.), Stefan kann aber leider keine „Winterpause“ genießen. Obwohl meistens die Sonne scheint und die Strahlen auch richtig warm sein können, heißt dieser Monat nicht umsonst „windy July“, windiger Juli.

Zum Glück haben die letzten Wochen Abwechslung geboten: Das Winterfestival in Katoomba mit Freunden, Wanderungen im Royal National Park, das Finale der Weltmeisterschaft um 5 Uhr morgens und natürlich der Besuch von Andi und Stefan! Wie schön es doch jedesmal wieder ist, mit Freunden unsere Stadt neu zu entdecken, das Opernhaus, die Harbour Bridge und die kulturelle Vielfalt zu bestaunen und sich quer durch die kulinarischen Köstlichkeiten anderer Länder zu kosten. Danke Andi, Danke Stefan für euren Besuch! Fein war’s!

Was für ein Ausblick auf unsere Stadt! Unser erster Besuch in den North Head National Park hat sich gelohnt - auch wenn keine Wale (aber dafür ein Seehund) zu sehen waren.
Was für ein Ausblick auf unsere Stadt! Unser erster Besuch in den North Head National Park hat sich gelohnt – auch wenn keine Wale (aber dafür ein Seehund) zu sehen waren.
Winter bedeutet in Sydney nicht nur Kälte und Wind, sondern außergewöhnlich kräftige Farben und das allerbeste Abendlicht.
Winter bedeutet in Sydney nicht nur Kälte und Wind, sondern außergewöhnlich kräftige Farben und das allerbeste Abendlicht.
Dieser Eislaufplatz scheint ziemlich fehl am Platz. Direkt dahinter liegen Strand und Meer...
Dieser Eislaufplatz scheint ziemlich fehl am Platz. Direkt dahinter liegen Strand und Meer…
Mit Andi und Stefan machen wir uns auf Entdeckungstour durch Sydney. Der Blick auf die Skyline vom Botanical Garden ist tatsächlich nicht schlecht...
Mit Andi und Stefan machen wir uns auf Entdeckungstour durch Sydney. Der Blick auf die Skyline vom Botanical Garden ist tatsächlich nicht schlecht…
Bei Sonnenuntergang können aber auch die Blicke von der anderen Seite des Hafens, dem Darling Harbour, begeistern.
Bei Sonnenuntergang können aber auch die Blicke von der anderen Seite des Hafens, dem Darling Harbour, begeistern.
Opera House, oh Opera House! Wir warten immer noch auf eine gute Gelegenheit, eine (nicht allzu einschläfernde) Vorstellung zu besuchen. Etwas Zeit bleibt uns noch!
Opera House, oh Opera House! Wir warten immer noch auf eine gute Gelegenheit, eine (nicht allzu einschläfernde) Vorstellung zu besuchen. Etwas Zeit bleibt uns noch!

Viel Lärm um nichts?

Gsch gsch gsch gsch gsch, „Des is genau der Sound aus anem Horrorfilm“, sagt Hias. „Ma, basta jetz!“, ruft Michi. “ Stefan meint: „Mir hobn so a Glück, des hörst nur olle 10 Johr.“ „Aua, meine Ohrn!“, ist Ingrids Kommentar. Und der griechische Dichter Xenarchos drückte es vor Jahrhunderten wie folgt aus: „Glücklich leben die Zikaden, denn sie haben stumme Weiber“.

Wir sind auf dem Weg in die Blue Mountains, als wir auf dem Highway plötzlich ein Geräusch vernehmen, das uns das Herz in den Bauch sacken lässt. Gibt unsere Tamara auf halbem Wege den Geist auf? Was ist bloß los mit unserem Auto? An einer roten Ampel lassen wir die Fenster runter, um den Krach eindeutig zuordnen zu können. Da hat Stefan plötzlich den Geistesblitz: Das sind Zikaden! Wir verifizieren diese Vermutung in einem Tunnel, auch bei runtergelassenen Fenstern hört man nichts mehr außer das normale Motorengeräusch. Als wir schließlich in Katoomba aus dem Auto steigen, wird uns das Ausmaß des Krachs so richtig bewusst.

Hunderttausende scheinen zu sirren, und die bis zu fünf Zentimeter langen Insekten machen wirklich einen Höllenlärm. Mit bis zu 120 Dezibel „singen“ Zikaden, zum Vergleich: ein Müllwagen fährt mit 80 Dezibel, eine Zeitungspresse erzeugt 97 Dezibel, ein Jet der in 300 Meter Entfernung abhebt 100 Dezibel. Und eine Kettensäge 120 Dezibel…

Wir unterhalten uns in einer sehr gehobenen Lautstärke, um die Zikaden zu übertönen, als wir zu den Three Sisters, den Drei Steinernen Schwestern spazieren. Was für ein Tag, der Sommer ist angekommen hier in New South Wales. Ob der Charme unserer Junggesellen Hias und Michi die Schwestern, die von einem Zauberer versteinert wurden um sie vor den Männern zu schützen, wohl wieder zu Leben erwecken kann? Wir beschließen es zu versuchen, und wandern hinunter zur berühmten Felsformation. Michi streichelt den Stein umsonst, die Schwestern bleiben steinkalt… Trotzdem ist es schön, dort in der Sonne zu sitzen, und den Blick über die endlosen Wälder schweifen zu lassen.

Nach einem köstlichen Mittagessen in einem kleinen, alternativen Restaurant, das von einer lokalen Kommune geführt wird, fahren wir weiter nach Leura, der Nachbarstadt von Katoomba. Die Namen hier haben Aboriginal-Ursprung, Katoomba bedeutet „Wasser, das über Felsen fällt“, Leura ist das Wort für „Lava“. Von dort geht es weiter zu den Wentworth Falls, einem Wasserfall, der über rot gefärbte Felsen 187 Meter nach unten in den Eukalyptuswald stürzt. Wir wandern durch den Wald, steuern jeden Lookout an, der ausgeschildert ist, und genießen den Wind, die Ausblicke und die Sommertemperaturen. Nur an das ohrenbetäubende Singen der Zikaden können wir uns nicht wirklich gewöhnen.

Aber dann erinnert uns Stefan daran: Wir haben wirklich Glück! Einen solchen „Ausbruch“ von Zikaden gab es laut der Blue Mountains Gazette zuletzt 2004. Die Insekten leben normalerweise für sechs volle Jahre unter der Erde, bevor ihnen überirdische sechs Wochen gegönnt sind. Diese nutzen die Männchen, um aus voller Kehle um eine paarungswillige Partnerin zu werben. Bei soviel Lärm sind die Weibchen intelligenterweise einfach mal still….

Die erste Zikade, die wir am Baum entdecken, ist ein Prachtexemplar mit tiefroten Augen...
Die erste Zikade, die wir am Baum entdecken, ist ein Prachtexemplar mit tiefroten Augen…
Die grünen Insekten lassen sich nicht so einfach vom Baum pflücken - doch wenn man es geschafft hat, dann sirren die Zikaden doppelt so laut.
Die grünen Insekten lassen sich nicht so einfach vom Baum pflücken – doch wenn man es geschafft hat, dann sirren die Zikaden doppelt so laut.
Der Ausblick von den Three Sisters ist einen Spaziergang wert!
Der Ausblick von den Three Sisters ist einen Spaziergang wert!
Und tief unten liegen scheinbar unendliche Wälder.
Und tief unten liegen scheinbar unendliche Wälder.
Hier lässt es sich aushalten - wir genießen die Sonne und das Panorama.
Hier lässt es sich aushalten – wir genießen die Sonne und das Panorama…
...auf die Wentworth Falls, die 187 Meter in die Tiefe stürzen und einen Regenbogen in die Luft malen.
…auf die Wentworth Falls, die 187 Meter in die Tiefe stürzen und einen Regenbogen in die Luft malen.
Ja, es geht uns gut - auch wenn wir heute eventuell mit Ohrensausen ins Bett gehen.
Es geht uns sehr gut – auch wenn wir heute eventuell mit Ohrensausen ins Bett gehen!