Arbeitsalltag auf Australisch

Man geht morgens in’s Büro, arbeitet den Vormittag durch, macht eine halbe bis dreiviertel Stunde Mittagspause, startet in den Nachmittag, eventuell gibt es eine kleine Kaffeepause, und fährt abends, wenn die Arbeit getan ist, heim.

So schaut ein typischer Arbeitstag aus, wohl überall in Europa und bestimmt auch in Australien, oder? Falsch gedacht! Denn ein work day in Australien hat durchaus seine Eigenheiten…

Achtung: Natürlich unterscheidet sich der Arbeitsalltag auch ganz signifikant je nach Unternehmen, Branche und Position. Trotzdem möchte ich euch meine bisherigen Erfahrungen nicht vorenthalten. Hier ein „Best Of“ der australischen Arbeitswelt. Aus Gründen der Privacy sind die unten genannten Namen aller Personen natürlich geändert ;-)

TOOT TOOT TOOT plärrt die Sirene durch die Großraumbüros. Es ist 11 Uhr vormittags, und über den Firmen-Lautsprecher ruft der General Manager eine Schweigeminute aus. Der Remembrance Day (Gedenktag) hat in Australien – so wie in den anderen Commonwealth Staaten – definitiv noch Bedeutung. Zwar ist der 11. November in Australien kein offizieller Feiertag, aber in vielen Schulen und öffentlichen Institutionen bleibt die Zeit um 11 Uhr für eine Minute stehen. Im Großraumbüro springen alle auf, verschränken die Hände hinter dem Rücken oder vor der Brust, senken den Kopf und gedenken den australischen Gefallenen aller Kriege seit dem 1. Weltkrieg. Ein lauthalses „Lest we forget“ beschließt die Minute. Und zehn Sekunden später sind alle wieder am Arbeiten, so als wäre nichts gewesen.

Ein von uns organisiertes Event am Martin Place, einem der geschäftigsten Plätze Sydneys. Hier haben die großen Banken, Versicherungen und Consultingunternehmen ihre Firmensitze, und jetzt um 12 Uhr mittags hetzen die Geschäftsmänner und -frauen in die wohlverdiente Mittagspause. Trotz hervorragendem Wetter, Tanzeinlagen von Schulklassen und gratis Essen sind nicht ganz so viele Leute zum Event gekommen, wie es sich die Generaldirektorin der lokalen Gemeindeblätter erhofft hat. Ihre Reaktion? Sie zieht ein T-Shirt mit Eventlogo über den eleganten Hosenanzug, schnappt sich einen Packen Flyer und mischt sich damit unter das Volk. Dass diese Flyer-Verteilerin ein Medienunternehmen mit rund 120 Angestellten und einem fetten Budget leitet, weiß keiner der Geschäftsmenschen (die das angebotene Flugblatt großteils gekonnt ignorieren).

Wöchentliches Teammeeting am Freitag morgen. Jeder hat ein paar Minuten Zeit, von seiner Woche zu erzählen, und den Projekten, an denen man gerade arbeitet. „Busy“, „extremely tough week“, „there has been so much on my table“. Die Runde ist komplett, das Meeting dauert offiziell noch 40 Minuten. „Gibt es sonst noch was?“, fragt unsere Chefin. Allgemeines Kopfschütteln. „Okay, so I have some questions.“ Und sie schießt los: „Angela, wie laufen die Hochzeitsvorbereitungen?“ „Carrie, erzähl uns von dem Hochzeitsantrag, den du bekommen hast.“ „Martin, geht es deiner Katze wieder besser?“ Und so hören wir, bevor wir wieder in unsere extrem anstrengende Woche zurückkehren, 40 Minuten lang jedes Detail zum Blumenschmuck und Make Up für die bevorstehende Hochzeit, bewundern den Verlobungsring und bemitleiden die Katze, die an chronischem Husten leidet.

Ist sie nicht vor 10 Minuten in diesen tollen, sandfarbenen Sandalen hereingekommen? Wo kommen denn plötzlich die 15-Zentimeter-Absätze im Tigerprint her? Des Rätsels Lösung befindet sich unter’m Schreibtisch! Wir ändern die Sitzordnung und tauschen Schreibtische. Und ich schaue meinen weiblichen Kolleginnen fassungslos zu, als sie Schuhpaar um Schuhpaar  dem Tisch hervorholen. Man müsse für jede Unvorhergesehenheit gewappnet sein, erklärt meine Kollegin Lara. Was, wenn jemand vom Management unerwartet ein Meeting einberuft? Was, wenn plötzlich ein wichtiger Kunde vor der Tür steht? Ihre Erklärung macht durchaus Sinn. Den Rekord stellt allerdings nicht Lara, sondern Amanda auf: Sie zaubert ganze 8 Paar Schuhe unter ihrem Tisch hervor. (Und nein, das ist kein „Frauending“. In Stevens Schreibtischlade finden sich ganze 12 Paar Manschettenknöpfe.)

38,5 Stunden Arbeitsverträge, Überstunden werden nicht abgegolten, sondern sind im Vertrag inkludiert. Ein typischer All-In-Vertrag, der in Europa meist dazu führt, dass man ein paar Stunden in der Woche eben gratis arbeitet. Firmensitz in Sydney City Centre, 3. Stock, es ist 8:29 Uhr morgens. Es scheint, als sei eine Schleuse geöffnet worden. Lautes Lachen füllt die Gänge, Stöckelschuhe klappern über den Linoleumboden, fröhliche „Good Mornings“ werden ausgetauscht. Das Gebäude erwacht innerhalb von Minuten zum Leben. 8:30 Uhr: Alle Computer sind angeschalten, der Großteil der Belegschaft ist bereit für den Tag. Acht Stunden Arbeit und eine einstündige Mittagspause später: Gerade sind wir noch im Meeting gesessen, haben konzentriert an einem Report gearbeitet, und die Agenda für ein das Treffen mit einem wichtigen Kunden ausgedruckt. 17:29 Uhr: Menschen eilen zurück zu ihrem Schreibtisch, stapeln hastig die auf den Tischen verteilten Unterlagen aufeinander, und BING! 17:30 Uhr: Die Computerbildschirme im Großraumbüro sind schwarz, und fröhlich klappern die Stöckelschuhe und Manschettenknöpfe die Treppen hinunter, dem Feierabend entgegen.

Das Arbeitsleben in Australien… Ein spannender Selbstversuch!

Robinson Crusoe im Cabriolet

Die Haare fliegen im Fahrtwind, die Sonne brennt auf unsere Schultern und wir singen aus voller Kehle das Lied mit, das da gerade im Radio läuft: „Don’t you worry, don’t you worry. Cause you’re living in the here and now And that’s the only thing that counts…“

Es sind Kleinigkeiten, die manchmal dieses Freiheitsgefühl auslösen, das einen dazu veranlasst, die Arme in die Luft zu reißen und aus voller Kehle zu jauchzen. In unserem Fall ist es ein Cabrio, das wir uns über das Wochenende ausgeliehen haben, und in dem wir jetzt Richtung Norden fahren. Der Fahrtwind auf der Haut, der blaue Himmel über uns und der Duft der Eukalyptusbäume, der in der Luft liegt: Das ist Australien pur. Das ist Leben pur.

Wir beraten, wo es zuerst hingehen soll, und einigen uns schnell auf die fotogenen Sanddünen im Mungo Brush National Park. Dort waren wir schon einige Male, und doch scheint man bei jedem Besuch wieder in eine neue Welt zu stolpern. Das ist dieses Mal nicht anders. Wir sind erst einige hundert Meter weit gewandert, als wir im Strauch vor uns einen Bienenfresser landen sehen, der im Englischen nicht umsonst den Namen Rainbow Bee Eater trägt. In allen Farben schillert sein Federkleid, und wir lassen uns viel Zeit beim Anpirschen. Zwei langsame Schritte, dann wieder regloses Verharren. Unsere Geduld wird belohnt, und staunend beobachten wir den bunten Vogel.

Doch nicht nur die Vogelwelt im Nationalpark ist die dreistündige Anreise aus Sydney wert. Eine Dünenlandschaft wie diese haben wir bislang nirgendwo sonst gesehen. Stundenlang kann man über die Dünen spazieren, über glattgeschliffene Glasscherben stolpern, Treibholz und Muscheln sammeln und in den Sandverwehungen verloren gehen. Immer wieder eröffnen sich Ausblicke auf’s dunkelgrün-türkise Meer, auf dem weiße Schaumkronen tanzen. Stundenlang begegnet man hier keiner Menschenseele. Wenn unverhofft doch ein Mensch hinter einer Düne auftaucht, dann erschrickt man zuerst, und winkt dem Anderen dann fröhlich zu, ein bisschen so wie Robinson Crusoe, der irgendwann wieder der Zivilisation ausgesetzt ist.

Wir wandern, entdecken, genießen. Und haben schließlich auch noch das Glück, dass am Horizont ein Gewitter aufzieht. Die dunklen Wolken sorgen für eine ganz besondere Stimmung, die man nicht so richtig zuordnen kann. Bedrohlich sind die stahlgrauen Wolkentürme. Wunderschön das gedämpfte Licht, das plötzlich über dem Land liegt. Wir würden die Aussicht gerne länger genießen, doch nach einem Tag in der Natur macht sich langsam der Hunger bemerkbar.

Zum Abendessen gehen wir in den lokalen RSL. Einen solchen Club gibt es in nahezu jeder Ortschaft in Australien. Am ehesten vergleichbar ist ein RSL mit einem europäischen Gemeindezentrum, das zugleich als Gasthaus, Pub und Spielhalle dient. Doch ein RSL ist viel mehr: RSL steht für Returned and Services League, und soll allen heimgekehrten Soldaten und ihren Familien, sowie den Witwen der Gefallenen als Anlaufsstelle dienen. Hier wird Gemeinschaft gelebt, Essen und Bier zu fairen Preisen verkauft, hier werden Bingo-Abende veranstaltet und man trifft sich mit Gleichgesinnten, denen die australische Geschichte und Kultur am Herzen liegt. Wir werden temporäre Mitglieder für den Abend, und schon stehen uns die RSL-Türen offen. Nie wurden wir von einer Bedienung öfters Darling, Honey und Love genannt. Als Nachspeise genießen wir den wohl glühendsten Sonnenuntergang, den Karuah zu bieten hat, und fallen dann erschöpft in’s Bett.

Am nächsten Morgen machen wir uns schon früh auf den Weg. Wir wollen Port Stephens und den riesigen Hafeneingang erkunden. Wieder landen wir auf beeindruckenden Dünen, wir wandern an kleinen Booten vorbei, auf denen man am liebsten sofort lossegeln möchte und bestaunen die Fische im glasklaren Wasser von Nelson Bay. Der letzte Abstecher vor der Heimfahrt nach Sydney führt uns in’s Tilligerry Habitat in der Tanilba Bay. Denn glaubt man den Warnschildern, die hier alle paar Kilometer am Straßenrand stehen, dann gibt es in der Gegend von Port Stephens eine Koalapopulation, die aufgrund von Autounfällen und Buschfeuern jedes Jahr um einige Dutzend Tiere schrumpft.

Das Tilligerry Habitat bietet wilden Koalas (und vielen anderen Tierarten) eine sichere Umgebung. Naturliebhaber aus der Region haben es sich in den 80er Jahren zur Aufgabe gemacht, das versandete Land zu „re-naturieren“, und haben hunderte einheimische Busch- und Baumarten angepflanzt. Heute führt ein Spazierweg durch den inzwischen sehr dichten Wald, von dem aus man – wenn man sehr viel Glück hat – einen von vier wilden Koalas sichten kann, die das Tilligerry Habitat zu ihrem Wohnraum gekührt haben. Leider last uns das Glück im Stich. Doch der Spaziergang ist auch so wunderschön, und wir sichten immerhin eine Tawny Frogmouth Mutter (einen Eulenschwalm, auch Froschmaul genannt) mit ihrem Küken, sowie mehrere Kingfisher (Eisvogel). Die Freiwilligen, die hier im Visitor Centre jeden Tag sechs Stunden Dienst verrichten,  freuen sich über interessierte Besucher, und zeigen uns voll Stolz auch noch ein blau ausgekleidetes Bower Bird Nest. Anschließend bekommen wir eine kleine Privatführung in die Hinterzimmer des Informationszentrums. Dort reihen sich hunderte Gläser aneinander, in denen pensionierte Botaniker die Samen der einheimischen Pflanzen sammeln, um aus diesen neue Setzlinge für das Habitat zu ziehen. Die Jungpflanzen werden in der Baumschule nebenan aufbewahrt. Drei Stunden nach unserer Ankunft treten wir schließlich mit fünf australischen Jungpflanzen im Kofferraum und jeder Menge Fotos auf den Speicherkarten die Heimfahrt nach Sydney an.

„Don’t you worry, don’t you worry. Cause tomorrow is still far away So live it like the final day…“, tönt es aus den Boxen. Die Sonne scheint warm auf unsere Gesichter, die Haare fliegen im Fahrtwind, und wir genießen jede Minute der Fahrt, die Freiheit, das Leben.

Roadtrip!Roadtrip!

Spazierweg zum Strand
Spazierweg zum Strand
Einsamkeit pur...
Einsamkeit pur…
Hier lässt es sich leben...
Hier lässt es sich leben!
Naturschauspiel
Naturschauspiel
Nicht nur wir finden die Gegend schön...
Nicht nur wir finden die Gegend schön…
Beobachten und beobachtet werden
Beobachten und beobachtet werden
In Port Stephens gibt es auch "Autostrände"
In Port Stephens gibt es auch „Autostrände“
Und Pelikane en masse...
Und Pelikane en masse…
Stille Wasser sind tief. Und klar.
Stille Wasser sind tief. Und klar.
Ja wer sitzt denn da?
Ja wer sitzt denn da?
Zum Schluss noch ein Suchbild: Irgendwo auf diesem Baum sitzt ein Froschmaul mit ihrem Küken.
Zum Schluss noch ein Suchbild: Irgendwo auf diesem Baum sitzt ein Froschmaul mit ihrem Küken.