Happy Diwali!

„Ich geh mit meiner Laterne, und meine Laterne mit mir…“  Elf erwachsene Menschen sitzen auf dem Boden, schneiden hochkonzentriert Krepppapier in feine Streifen, kleben silberne Glitzersteine auf die weiße Laternenhülle und bemühen sich, die schönste Laterne zu basteln.
Anlass ist allerdings kein Sankt-Martins-Umzug, sondern Diwali, das hinduistische Lichterfest und eine der größten Feierlichkeiten in Nordindien. Diwali wird laut hinduistischem Kalender am ersten Tag des Jahres gefeiert. Traditionell kommen Familie und Freunde zusammen, man macht sich Geschenke, dekoriert das Haus mit Kerzen und Leuchten und Laternen, und schlägt sich die Bäuche voll. Oder wie unsere Freundin Mary es auf den Punkt bringt:“Diwali ist Ostern, Neujahr und Weihnachten auf einmal.“

Ashi, die uns zu dieser besonderen Feier eingeladen hat, erzählt uns die Legende, auf der Diwali beruht. Lord Rama, einer der wichtigsten indischen Götter, lebt mit seiner Frau Sita im Exil (warum die zwei flüchten mussten, daran kann ich mich leider nicht mehr erinnern). Als Sita vom König Ravana entführt wird, macht sich ein aufgebrachter und sehr zorniger Rama auf die Suche nach ihr. Natürlich findet er seine Frau dann auch, und tötet Ravana in einer blutigen Schlacht. Nach 14 Jahren im Exil kehrt Rama endlich nach Ayodhya zurück, wird zum König gekrönt und herrscht viele Jahre lang in Weisheit, Güte und Gerechtigkeit.

Ashi ist eine wunderbare Geschichtenerzählerin, und eine noch viel bessere Köchin. „24 Stunden“, antwortet sie mit einem Augenzwinkern, als wir fragen, wie lange sie für die Vorbereitungen in der Küche gestanden ist. Und obwohl sie hinzufügt, dass das nur ein Scherz ist, bin ich mir sicher, dass die Zeit ziemlich genau hinkommt. Überall in der Wohnung stehen kleine bunte Kerzen, die wir mit Einbruch der Dunkelheit anzünden. Ashi stellt Schüsseln mit indischen Knabbereien auf den Wohnzimmertisch (an die exotischen Namen können wir uns leider nicht erinnern. Aber im Prinzip handelt es sich um frittierte Teigstangen in den verschiedensten Variationen, von ganz dünn und zerbrechlich und klein mit Chili, bis hin zu Armreifen-großen Teigringen).
Als Vorspeise gibt es Spieße mit gegrilltem Paneer (indischem Käse) und Gemüse, sowie eine Minz-Joghurt-Sauce und Papadum (ein hauchdünnes, knuspriges Brot).

Dann beginnt der Bastelspaß. Jeder von uns bekommt eine weiße Laterne zum Selber-Bauen, und es gibt Glitzersteine, Krepppapier und Kleber, damit wir uns eine Diwali-Laterne ganz nach unserem Geschmack dekorieren können. Und die Mühe zahlt sich aus: Als wir am Ende des Abends unsere Laternen draußen auf dem Balkon anzünden und mit Sternspritzern die Rückkehr Lord Ramas feiern (beziehungsweise Weihnachtsstimmung verbreiten), bekomme nicht nur ich Gänsehaut.
Doch die Inder wissen, wie man feiert, ohne zu viel Sentimentalität aufkommen zu lassen. Bald sind wir mitten drin in einem Spiel, das sich in Indien anscheinend großer Beliebtheit erfreut. Die Regeln sind einfach: Ein Team stimmt ein Lied an, singt zwei Zeilen davon, und das gegnerische Team muss ein Lied anstimmen, das mit dem letzten Buchstaben vom vorherigen Lied beginnt. Wir jaulen Sweet Home, Alabama und All you need is Love und Every night in my dreams (den Titanic-Titelsong), bis uns wirklich kein Lied mit „E“ mehr einfällt (wir aber um die Erkenntnis reicher sind, dass 83% aller englischen Worte mit „E“ aufhören).

Doch zurück zum indischen Festmahl. Ashi serviert als Hauptspeisen zwei verschiedene Curries. Zum Butter-Chicken passt hervorragend der mit Erbsen und Gewürzen verfeinerte Reis, zum Gemüse-Curry isst man eigentlich Brot (es schmeckt mit Reis aber ebenfalls köstlich!). Dazu gibt es eine Joghurtsauce, Zitrone und viel frische Zwiebel, sowie Gurken („Because we would have cucumbers with everything!“).
Als wir schließlich zufrieden seufzend auf unseren Stühlen hängen und schwören, dass wir jetzt beim besten Willen nicht mehr einen Bissen runterbringen, tischt Ashi eine unglaublich gut gewürzte Art indischen Milchreis mit Kardamom auf. Und natürlich geht sich noch ein Bissen aus!

Was für ein Glück, einen internationalen Freundeskreis zu haben, und die verschiedensten Traditionen aus erster Hand miterleben zu dürfen.
Diwali, du bist unser neues, nordindisches Lieblingsfest.
Ashi, du bist unsere absolute nordindische Lieblingsköchin.

Happy Diwali!

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Frühlingsreif

Wir sind frühlingsreif. Bereit für wärmeres Wetter, längere Abende, Kaffee am Strand. Doch irgendwie will Australien nicht so recht. Zwar ist das Thermometer schon ein paar Mal über die 28 Grad Marke geklettert, aber noch kann man sich auf die angenehmen Temperaturen nicht verlassen. Der gestrige Samstag war verregnet und grau, und heute ist es trotz strahlend blauem Himmel richtig kalt. Ein starker Wind bläst den zahlreichen Spaziergängern in Bondi den Sand in die Ohren, die Augen und sogar in die Socken (trotz geschlossener Turnschuhe. Keine Ahnung, wie das funktioniert).

Das ungemütliche Wetter hat tausende Strandtouristen freilich nicht davon abgehalten, zur am Freitag eröffneten jährlichen Freiluft-Galerie „Sculptures by the Sea“ zu kommen. Wir haben vor vier Jahren schon darüber geschrieben, aber dieses einzigartige Event ist definitiv einen weiteren Blogeintrag wert.

Über 520.000 Besucherinnen und Besucher bestaunen jedes Jahr die rund 100 Skulpturen, die entlang der Klippenpromenade von Bondi nach Tamarama ausgestellt sind. Sculptures by the Sea ist Kunst für die ganze Familie. Selbst Kunstmuffel können den ausgefallenen Installationen etwas abgewinnen (wer kann schon einem lebensgroßen, auf dem Rücken liegenden Nashorn, das halb im Sand verbuddelt ist, widerstehen!). Und selbst wenn nicht, die Natur ist hier ohnehin der großartigste Künstler, und die Ausblicke entlocken Einheimischen wie Touristen gleichermaßen entzückte Freudenschreie.

Wir unternehmen unseren ersten Besichtigungsversuch am Sonntagmorgen um 8 Uhr. Trotz Pullover und Windjacke wird es uns bald zu kalt, und wir beschließen abzubrechen und stattdessen frühstücken zu gehen. Ein guter Plan! Nach einem heißen Kaffee und einer köstlichen Stärkung in unserem zukünftigen Stammlokal (das sich praktischerweise fast direkt unter unserer Wohnung befindet), unternehmen wir einen zweiten Versuch.

Jetzt strahlt die Sonne vom Himmel, und es ist gar nicht so kalt. Leider haben das auch eine gefühlte Million andere Menschen mitbekommen, und es ist praktisch unmöglich, ein Foto von einer Skulptur ohne Mitmenschen darauf zu schießen. Egal, immerhin handelt es sich hier um eine Freiluft-Gallerie. Und je mehr Menschen zu dieser außergewöhnlichen Veranstaltung kommen, desto besser. Denn die Kunst hier regt an, zum Nachdenken, Stirnrunzeln, Lächeln und Für-das-Selfie-Posen. Und das ist es ja, was Kunst erreichen will, oder?

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