Back on track

Es wird Frühling in Sydney. Und obwohl das Frühlingserwachen gestern mit starken Regenfällen einher ging, haben wir uns hinausgewagt in die Wildnis. Danke an unsere Freunde, die uns auf unserem ersten Bushwalk begleitet haben, und mit uns zusammen Wind und Wetter trotzten!

Das Muogamarra Nature Reserve liegt eine knappe Stunde nördlich von Sydney, und ist berühmt für seine unglaubliche Pflanzenvielfalt. Hier findet man Blumen und Büsche, die es sonst in New South Wales nirgends gibt. Um dieses fragile Ecosystem zu schützen, ist der Park der Öffentlichkeit nur sechs Wochen lang während der Frühlingsblüte zugänglich.
Und diese ist wirklich sehenswert: Violette Buschlilien, rote Waratah, gelbe Wattle Trees weisen uns den Weg, insgesamt gibt es hier über 900 Spezien.

Die abwechslungsreiche Wanderung führt vorbei an der Aboriginal-Felsgravur eines Wals, durch Buschland und Regenwald. Wir wandern am Hawkesbury River entlang, und sind uns nicht ganz sicher, was die Gänsehaut auf unseren Armen verursacht: Ist es der Nieselregen, oder doch die gespenstische Stimmung, die Nebelschwaden zwischen den Mangrovenstämmen, die für eine schwarz-weiße Flusslandschaft sorgen?

Nach knapp zwei Stunden ist Sackgasse. Wir stehen am Fluss, schauen hinaus auf’s Wasser und lauschen den Erzählungen einer sympathischen Australierin, die als Freiwillige für die National Parks von New South Wals arbeitet. Wie immer geht es darin um gestohlenes Land, ein sterbendes Ökosystem und zugleich um die tiefe Liebe zu den Naturressourcen, die Australien auch heute noch zu bieten hat.

Der Regen wird stärker und wir machen uns auf den Rückweg. Nach insgesamt zehn Kilometern und vier Stunden Wanderung sind wir pudelnass, aber glücklich. Jetzt können wir den Sonntag gemütlich ausklingen lassen, mit indischem Take Away Essen und einer seichten Komödie. Die heiße Dusche tut unendlich gut. Erst die vielen Blutflecken auf dem Handtuch machen Stefan stutzig. Und tatsächlich: Er hat sich gleich bei unserer ersten Wanderung durch den australischen Busch einen Blutegel eingefangen. Die Tierchen lassen sich zwar abfallen, wenn sie voll sind. Nur leider hört so ein Biss lange nicht auf zu bluten. Vier Tempotaschentücher und fünf Pflaster später geht ein zweiter, aufregender Sonntag in unserer neuen Heimat zu Ende. Und der nächste Bush Walk kommt bestimmt, Blutsauger hin oder her.

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Tief hinein in den Dschungel führt unsere Wanderung… (ob Stefan sich wohl hier den Blutegel eingefangen hat?)
Nur sechs Wochen lang ist der National Park für Besucher zugänglich - damit auch wirklich alle die wunderschöne Frühjahrsblüte bewundern können.
Nur sechs Wochen lang ist der National Park für Besucher zugänglich – damit alle Interessierten die wunderschöne Frühjahrsblüte bewundern können.
Regen und Nebel sorgen für gespenstische Stimmung.
Regen und Nebel sorgen für gespenstische Stimmung.
Wir wandern den Hawkesbury River entlang, bis es schließlich nicht mehr weiter geht.
Wir wandern den Hawkesbury River entlang, bis es schließlich nicht mehr weiter geht.
Ganz am Ende des Pfades wartet eine Freiwillige der National Park Services, die uns mit interessanten Hintergrundinformationen zur Gegend versorgt.
Ganz am Ende des Pfades wartet eine Freiwillige der National Park Services, die uns mit interessanten Hintergrundinformationen zur Gegend versorgt.
Früher war der ganze Fluss voll mit Austernfarmen. Wegen eines Virus, der die meisten Austern vernichtet hat, sind heute nur mehr vier Farmen aktiv.
Früher war der ganze Fluss voll mit Austernfarmen. Wegen eines Virus, der die meisten Austern vernichtet hat, sind heute nur mehr vier Farmen aktiv.

558 Tage später…

…und wir sind zurück am Flughafen Sydney. Dieses Mal mit weit weniger Sicherheiten, aber einem australischen Permanent Residency Visum in der Tasche. Dank Stefans Ausbildung und seiner Arbeitserfahrung hat uns die australische Regierung tatsächlich eine dieser sehr begehrten, unbefristeten Aufenthaltsgenehmigungen erteilt.

Nach nächtelangen Diskussionen, Schweißausbrüchen, hysterischen Lachanfällen haben wir Mitte 2016 schließlich die Entscheidung gefällt. Australia is calling! Und so habe ich meinen sicheren Job gekündigt, wir haben Hab und Gut auf verschiedensten Flohmärkten zu einem Spottpreis verkauft, und die Wohnung in Österreich vermietet. Wir haben unser Leben in vier (zugegebenermaßen sehr große!) Koffer gepackt, und unseren Lebensmittelpunkt jetzt schon zum zweiten Mal nach Sydney verlagert.

Übergangsweise wohnen wir in einer kleinen Kellerwohnung in Potts Point, nur wenige hundert Meter von der beliebtesten Fortgehmeile Sydneys entfernt. In Kings Cross tummeln sich die unterschiedlichsten und seltsamsten Gestalten: Obdachlose Alkoholiker, die auf der Straße aufgrund der strengen australischen Gesetze nicht trinken dürfen. Sorglose Jugendliche, die sich die Nächte um die Ohren schlagen, um das Geld für eine Übernachtung im Hostel zu sparen. Huren, die Stefan auffordern, doch mal reinzukommen in das Bordell – mich könne er ja mitnehmen. Dann gibt es da die Hipster, die einen Skinny Cap(puccino) Double Shot To Go bestellen. Die alte Frau mit einer pinken Plastikblume in den grauen Haaren, die jeden Nachmittag im lokalen Gastgarten sitzt und gepflegt ein Glas Weißwein trinkt. Die Polizisten, die vor der Polizeistation ihre Gesichter in die Nachmittagssonne halten, und gut gelaunt jeden Obdachlosen beim Vornamen grüßen. Und Stefan und mich, die das alles mit offenem Mund beobachten.

Wir sind zurück im Großstadtdschungel. Und obwohl erst acht Tage vergangen sind seit unserer Ankunft, haben wir schon fünf Wohnungen besichtigt (ja, die Wohnungssuche ist immer noch so verrückt wie eh und je), ich war bereits bei zwei Bewerbungsgesprächen und am Samstag haben wir mit Freunden eine indisch-chinesische Hochzeit gefeiert. Wir sind durch den botanischen Garten spaziert, haben von unserer Dachterasse aus die vier Kakadus auf dem Nachbarbalkon bewundert, am Bondi Beach das Gefühl des Heimkommens genossen, und lassen uns die geschmackvollsten Avocados der Welt auf der Zunge zergehen.

Sydney, du hast uns wieder.