Robinson Crusoe im Cabriolet

Die Haare fliegen im Fahrtwind, die Sonne brennt auf unsere Schultern und wir singen aus voller Kehle das Lied mit, das da gerade im Radio läuft: „Don’t you worry, don’t you worry. Cause you’re living in the here and now And that’s the only thing that counts…“

Es sind Kleinigkeiten, die manchmal dieses Freiheitsgefühl auslösen, das einen dazu veranlasst, die Arme in die Luft zu reißen und aus voller Kehle zu jauchzen. In unserem Fall ist es ein Cabrio, das wir uns über das Wochenende ausgeliehen haben, und in dem wir jetzt Richtung Norden fahren. Der Fahrtwind auf der Haut, der blaue Himmel über uns und der Duft der Eukalyptusbäume, der in der Luft liegt: Das ist Australien pur. Das ist Leben pur.

Wir beraten, wo es zuerst hingehen soll, und einigen uns schnell auf die fotogenen Sanddünen im Mungo Brush National Park. Dort waren wir schon einige Male, und doch scheint man bei jedem Besuch wieder in eine neue Welt zu stolpern. Das ist dieses Mal nicht anders. Wir sind erst einige hundert Meter weit gewandert, als wir im Strauch vor uns einen Bienenfresser landen sehen, der im Englischen nicht umsonst den Namen Rainbow Bee Eater trägt. In allen Farben schillert sein Federkleid, und wir lassen uns viel Zeit beim Anpirschen. Zwei langsame Schritte, dann wieder regloses Verharren. Unsere Geduld wird belohnt, und staunend beobachten wir den bunten Vogel.

Doch nicht nur die Vogelwelt im Nationalpark ist die dreistündige Anreise aus Sydney wert. Eine Dünenlandschaft wie diese haben wir bislang nirgendwo sonst gesehen. Stundenlang kann man über die Dünen spazieren, über glattgeschliffene Glasscherben stolpern, Treibholz und Muscheln sammeln und in den Sandverwehungen verloren gehen. Immer wieder eröffnen sich Ausblicke auf’s dunkelgrün-türkise Meer, auf dem weiße Schaumkronen tanzen. Stundenlang begegnet man hier keiner Menschenseele. Wenn unverhofft doch ein Mensch hinter einer Düne auftaucht, dann erschrickt man zuerst, und winkt dem Anderen dann fröhlich zu, ein bisschen so wie Robinson Crusoe, der irgendwann wieder der Zivilisation ausgesetzt ist.

Wir wandern, entdecken, genießen. Und haben schließlich auch noch das Glück, dass am Horizont ein Gewitter aufzieht. Die dunklen Wolken sorgen für eine ganz besondere Stimmung, die man nicht so richtig zuordnen kann. Bedrohlich sind die stahlgrauen Wolkentürme. Wunderschön das gedämpfte Licht, das plötzlich über dem Land liegt. Wir würden die Aussicht gerne länger genießen, doch nach einem Tag in der Natur macht sich langsam der Hunger bemerkbar.

Zum Abendessen gehen wir in den lokalen RSL. Einen solchen Club gibt es in nahezu jeder Ortschaft in Australien. Am ehesten vergleichbar ist ein RSL mit einem europäischen Gemeindezentrum, das zugleich als Gasthaus, Pub und Spielhalle dient. Doch ein RSL ist viel mehr: RSL steht für Returned and Services League, und soll allen heimgekehrten Soldaten und ihren Familien, sowie den Witwen der Gefallenen als Anlaufsstelle dienen. Hier wird Gemeinschaft gelebt, Essen und Bier zu fairen Preisen verkauft, hier werden Bingo-Abende veranstaltet und man trifft sich mit Gleichgesinnten, denen die australische Geschichte und Kultur am Herzen liegt. Wir werden temporäre Mitglieder für den Abend, und schon stehen uns die RSL-Türen offen. Nie wurden wir von einer Bedienung öfters Darling, Honey und Love genannt. Als Nachspeise genießen wir den wohl glühendsten Sonnenuntergang, den Karuah zu bieten hat, und fallen dann erschöpft in’s Bett.

Am nächsten Morgen machen wir uns schon früh auf den Weg. Wir wollen Port Stephens und den riesigen Hafeneingang erkunden. Wieder landen wir auf beeindruckenden Dünen, wir wandern an kleinen Booten vorbei, auf denen man am liebsten sofort lossegeln möchte und bestaunen die Fische im glasklaren Wasser von Nelson Bay. Der letzte Abstecher vor der Heimfahrt nach Sydney führt uns in’s Tilligerry Habitat in der Tanilba Bay. Denn glaubt man den Warnschildern, die hier alle paar Kilometer am Straßenrand stehen, dann gibt es in der Gegend von Port Stephens eine Koalapopulation, die aufgrund von Autounfällen und Buschfeuern jedes Jahr um einige Dutzend Tiere schrumpft.

Das Tilligerry Habitat bietet wilden Koalas (und vielen anderen Tierarten) eine sichere Umgebung. Naturliebhaber aus der Region haben es sich in den 80er Jahren zur Aufgabe gemacht, das versandete Land zu „re-naturieren“, und haben hunderte einheimische Busch- und Baumarten angepflanzt. Heute führt ein Spazierweg durch den inzwischen sehr dichten Wald, von dem aus man – wenn man sehr viel Glück hat – einen von vier wilden Koalas sichten kann, die das Tilligerry Habitat zu ihrem Wohnraum gekührt haben. Leider last uns das Glück im Stich. Doch der Spaziergang ist auch so wunderschön, und wir sichten immerhin eine Tawny Frogmouth Mutter (einen Eulenschwalm, auch Froschmaul genannt) mit ihrem Küken, sowie mehrere Kingfisher (Eisvogel). Die Freiwilligen, die hier im Visitor Centre jeden Tag sechs Stunden Dienst verrichten,  freuen sich über interessierte Besucher, und zeigen uns voll Stolz auch noch ein blau ausgekleidetes Bower Bird Nest. Anschließend bekommen wir eine kleine Privatführung in die Hinterzimmer des Informationszentrums. Dort reihen sich hunderte Gläser aneinander, in denen pensionierte Botaniker die Samen der einheimischen Pflanzen sammeln, um aus diesen neue Setzlinge für das Habitat zu ziehen. Die Jungpflanzen werden in der Baumschule nebenan aufbewahrt. Drei Stunden nach unserer Ankunft treten wir schließlich mit fünf australischen Jungpflanzen im Kofferraum und jeder Menge Fotos auf den Speicherkarten die Heimfahrt nach Sydney an.

„Don’t you worry, don’t you worry. Cause tomorrow is still far away So live it like the final day…“, tönt es aus den Boxen. Die Sonne scheint warm auf unsere Gesichter, die Haare fliegen im Fahrtwind, und wir genießen jede Minute der Fahrt, die Freiheit, das Leben.

Roadtrip!Roadtrip!

Spazierweg zum Strand
Spazierweg zum Strand
Einsamkeit pur...
Einsamkeit pur…
Hier lässt es sich leben...
Hier lässt es sich leben!
Naturschauspiel
Naturschauspiel
Nicht nur wir finden die Gegend schön...
Nicht nur wir finden die Gegend schön…
Beobachten und beobachtet werden
Beobachten und beobachtet werden
In Port Stephens gibt es auch "Autostrände"
In Port Stephens gibt es auch „Autostrände“
Und Pelikane en masse...
Und Pelikane en masse…
Stille Wasser sind tief. Und klar.
Stille Wasser sind tief. Und klar.
Ja wer sitzt denn da?
Ja wer sitzt denn da?
Zum Schluss noch ein Suchbild: Irgendwo auf diesem Baum sitzt ein Froschmaul mit ihrem Küken.
Zum Schluss noch ein Suchbild: Irgendwo auf diesem Baum sitzt ein Froschmaul mit ihrem Küken.

Advent, Advent… ein Campingfeuer brennt!

Früh wachen wir auf am 1. Adventsonntag, durch die beschlagenen Autoscheiben sehen wir die Sonne hinter den Dünen aufgehen, von den Eukalyptusbäumen zwitschern unzählige Wattlebirds. Wir kämpfen uns aus dem Schlafsack, atmen die kühle reine Morgenluft ein, im Gegenlicht glitzert ein Netz, das eine fleißige Spinne über Nacht zwischen einem Baumstamm und dem am Ast hängenden Müllsack gewebt hat. Wenig später wärmen wir unsere Hände an einer Tasse heißem Kakao, und begrüßen den Tag. Während sich Freunde und Familien in Europa auf einen langen Winter vorbereiten, beginnt bei uns der Sommer! Erster Adventsonntag, Sommerbeginn. Ungewohnt, aber schön!

Wir haben uns trotz eher düsterer Wetterprognose auf einen Roadtrip/Campingausflug gemacht, und verbringen das Wochenende auf einem Bushcampingplatz (das heißt: Plumpsklo, kein Trinkwasser und keine Duschen), der rund 250 Kilometer nördlich von Sydney im Myall Lakes National Park liegt. Benannt ist der Park nach drei riesigen Süßwasserseen, die nur wenige Kilometer landeinwärts liegen. Womit wir nicht gerechnet haben sind die riesigen Sanddünen am Meer – die Landschaft schaut beinahe winterlich aus, nur dass hier kein Schnee, sondern Sand liegt (und wir im Gestrüpp auf einem der Sandhaufen eine Diamantpython entdecken!).

Als wir am späten Samstagvormittag im Stewart & Lloyds Campingground ankommen, ziehen dunkle Regenwolken über die surreale Gegend – was die Ausblicke noch viel reizvoller macht. Wir wandern bewaffnet mit unseren Regenjacken stundenlang durch die Dünen, beobachten Oystercatcher und Weißbauch-Seeadler, sehen widerstandsfähige violette Blumen aus dem Sand wachsen und wundern uns über die vielen, von den Elementen sandgestrahlten Flaschen, die hier – wahrscheinlich bei heftigen Stürmen – in die Dünen gespült werden. Was für eine Landschaft! (Außerdem sehen wir einen Bienenfresser; einen megaschnellen Laufvogel, von uns „Speedy“ getauft; stolpern über eine Fischerschnur, die in den Dünen nicht sichtbar ist und sich über mindestens einen Kilometer spannt – was wir bemerken, als wir uns daran machen, sie aufzuwickeln; folgen Dingo-, sprich: Wildhund-Spuren im Sand; und das immer mit dem atemberaubenden Blick auf’s Meer und auf die der Küste vorgelagerten Inseln).

Am Abend gehen wir früh schlafen, immerhin ist der Campingplatz weder beleuchtet, noch gibt es Barbeques oder sonst etwas Spannendes zu tun (und außerdem sind der Wald und all die nicht identifizierbaren Geräusche in der Dunkelheit ziemlich unheimlich).

Nachdem der heiße Kakao unsere Lebensgeister geweckt hat, und wir die Campingsachen wieder im Auto verstaut haben, machen wir uns auf den Weg Richtung Fähre, die über eine enge Stelle des Sees übersetzt auf die andere Seite, und uns in unseren Roadtrip-Sonntag entsendet. Der morgens noch strahlend blaue Himmel ist inzwischen bewölkt, es beginnt zu regnen, als wir in den Feldern neben der ungeteerten Straße große graue Känguruhs entdecken. Wir beschließen hinunter zu fahren in die Region von Port Stephens. Dort gibt es einen ca. 140 Quadratkilometer großen natürlichen Hafen, in dem über 100 wilde Bottlenose-Delfine leben sollen (wir sehen leider keinen, aber keine Angst: wir kommen wieder!). Der 1. Advent meint es gut mit uns: Die Wolken verziehen sich, und wir genießen einen wunderbaren Sonntag in verschiedenen Küstenstädtchen, ein Picknick am Strand und Sommer-Sonnenstrahlen, die tatsächlich noch für einen leichten Sonnenbrand sorgen. Lieber Dezember, wir sind bereit für dich (und für unseren Adventskalender, der zu Hause in Sydney auf uns wartet)!

Stewart & Lloyds Campsite - ein Bushcampingplatz ohne jegliche Annehmlichkeit. Aber dafür in einer wunderbaren Lage...
Stewart & Lloyds Campsite – ein Bushcampingplatz ohne jegliche Annehmlichkeit. Aber dafür in einer wunderbaren Lage…
Direkt hinter dem Eukalyptuswald, in dem wir unser Nachtlager aufschlagen, erheben sich die Sanddünen.
Direkt hinter dem Eukalyptuswald, in dem wir unser Nachtlager aufschlagen, erheben sich die Sanddünen.
Die Ausblicke sind unglaublich, und die Regenwolken am Horizont machen den Dünenspaziergang noch spannender und das Panorama noch beeindruckender.
Die Ausblicke sind unglaublich, und die Regenwolken am Horizont machen den Dünenspaziergang noch spannender und das Panorama noch beeindruckender.
Diese scheinbar einzelnen Grasbüschel wachsen auf einer Wurzel, die nur wenige Millimeter unter der Sandoberfläche liegt. Wie lange Schnüre ziehen sich diese zähen Pflanzen durch die Dünen.
Diese scheinbar einzelnen Grasbüschel wachsen auf ein- und derselben Wurzel, die nur wenige Millimeter unter der Sandoberfläche liegt. Wie lange Schnüre ziehen sich diese zähen Pflanzen durch die Dünen.
Doch trotz aller scheinbar lebensfeindlichen Umstände wachsen hier auch zarte Pflanzen, denen man ein Überleben in der Wüstenlandschaft nicht zutrauen würde.
Doch es gibt hier auch zarte Pflanzen, denen man ein Überleben in der Wüstenlandschaft nicht zutrauen würde.
Und für Vogelbeobachterinnen und -beobachter sind die Dünen ein Paradies. Wir gehen auf die Jagd... (rein bildlich gesprochen)
Für Vogelbeobachterinnen und -beobachter sind die Dünen ein Paradies. Wir gehen auf die Jagd… (rein bildlich gesprochen)
Drei Oystercatcher marschieren die Dünen entlang - und verfallen in Panik, als wir näher kommen. Was für ein Geschrei!
Drei Oystercatcher marschieren die Dünen entlang – und verfallen in Panik, als wir näher kommen. Was für ein Geschrei (Spitzname: Panikvogel)!
Der Bienenfresser ist schon weniger gestresst - allerdings hat er auf seinem Ast auch den besseren Überblick.
Der Bienenfresser ist schon weniger gestresst – allerdings hat er von seinem Ast aus auch den besseren Überblick.
Ein Weißbauch-Seeadler zieht über unseren Köpfen hinweg - nicht umsonst heißt das nächste Dorf "Hawks Nest". Raubvögel gibt es hier zuhauf.
Ein Weißbauch-Seeadler zieht über unseren Köpfen hinweg – nicht umsonst heißt das nächste Dorf „Hawks Nest“. Raubvögel gibt es hier zuhauf.
Und absolut nicht aus der Ruhe bringen lässt sich diese Diamantpython, die im Gestrüpp auf eine Jause wartet.
Und absolut nicht aus der Ruhe bringen lässt sich diese Diamantpython, die im Gestrüpp auf eine Jause wartet (wir versuchen allerdings auch gar nicht zu stören, oder näher zu kommen).
Am 1. Adventsonntag erkunden wir Port Stephens. Die Region besteht aus einem riesigen natürlichen Hafen inklusive Hafenstädtchen, vielen Inseln und weitläufigen Stränden.
Am 1. Adventsonntag erkunden wir Port Stephens. Die Region besteht aus einem natürlichen Hafen inklusive Hafenstädtchen, vielen Inseln und weitläufigen Stränden.
In Nelson Bay beobachten wir diesen Pelikan beim Landeanflug - die Ähnlichkeit mit einem Airbus A380 lässt sich nicht verleugnen! (vor allem auch beim Abheben...)
In Nelson Bay beobachten wir diesen Pelikan beim Landeanflug – die Ähnlichkeit mit einem Airbus A380 lässt sich nicht verleugnen! (vor allem auch beim Abheben…)
Wer an der Hauptstraße parkt, hat einen besonders pittoresken Zugang zum Strand: Immer wieder führen solche Sandwege durch den Wald hinauf auf die Dünen.
Wer an der Hauptstraße parkt, hat einen besonders pittoresken Zugang zum Strand: Immer wieder führen solche Sandwege durch den Wald hinauf auf die Dünen.
Ein letztes Picknick auf den Dünen, bevor es abends wieder ab in den Süden geht. Was für ein Sommerbeginn!
Ein letztes Picknick unter strahlendem Sonnenschein, bevor es abends wieder ab in den Süden geht (die Planen versuchen den Sand am Wandern zu hindern… irgendwie aussichtslos). Was für ein Sommerbeginn!